Sport : Angriff auf die Zahlenfresser

Formel 1 ohne Computer ist nicht mehr vorstellbar – dennoch soll der Anteil der Technologie reduziert werden

Axel Postinett

Ein zynisches Grinsen huscht über das Gesicht von Dieter Gundel. „Im Grunde bin ich froh über alles, was wir noch behalten dürfen“, sagt der Elektronikchef bei Ferrari. Etwas Resignation schwingt da schon mit, wenn der gebürtige Stuttgarter auf Formel 1 und Technik zu sprechen kommt. Das ist so etwas wie eine Hassliebe: Der Rennzirkus kann nicht mehr ohne Hightech, aber gerne gesehen ist die Technologie deshalb noch lange nicht. Nach Jahren der Aufrüstung bekommen die Verantwortlichen Angst, dass der immer größer werdende Einfluss der Technik den Männersport auf Dauer zu einem Videospiel auf Rädern degradiert.

Eine Umfrage des Motorsport-Weltverbandes Fia brachte alarmierende Ergebnisse. Nur 15 Prozent der über 90 000 Befragten sagten, dass die Formel 1 die richtige Balance zwischen fahrerischem Können und Technologie habe. Und während zwei Drittel glauben, dass die Rennserie die absolut beste Technik zeigt, glaubt nur ein Drittel, dass es auch die besten Fahrer der Welt sind.

Mit immer neuen Einschränkungen will die Fia diesen Eindruck nun entkräften. Und macht Leuten wie Gundel, der für die Computer- und Netz-Infrastruktur des Ferrari-Rennstalls an den Strecken verantwortlich ist, das Leben schwer. Alles was Fahrhilfen angeht, wie etwa ABS oder Anfahrhilfen, steht bei Fia-Präsident Max Mosley längst auf der schwarzen Liste. Die stärkste Einschränkung der jüngsten Vergangenheit: Das Verbot der wechselseitigen Telemetrie. Daten dürfen nur noch vom Auto zur Box übertragen werden, nicht mehr umgekehrt.

Die Fahrer haben deshalb jetzt einen Bildschirm mit Tasten im Lenkrad. „Im schlimmsten Fall sage ich jetzt per Funk ,Geh in Menü sieben, Unterpunkt fünf und schalte Sensor vier aus’“, erklärt Gundel. Do-It-Yourself-Motortuning bei 250 km/h, aber „immer noch besser, als wenn der Wagen stehen bleibt“.

Der Kampf der Chips hat sich längst auf Konstruktion und Aerodynamik verlagert. Beim Sauber-Team in der Schweiz berechnet seit Ende Dezember ein neuer Superrechner mit 530 gekoppelten AMD-64-Bit-Prozessoren die Leistung der Motoren und die günstigste Aerodynamik des Chassis. Auch Michael Schumachers Ferrari-Team setzt auf die AMD-Prozessoren – der Rennstall seines Bruders Ralf, Toyota, lässt dagegen die „Numbercruncher“, die „Zahlenfresser“, wie die Prozessoren auch genannt werden, vom Weltmarktführer Intel in den Großrechnern schwitzen.

Und die Rechner haben eine Menge zu tun. Mehr als ein Gigabyte Daten werden auch wieder beim Rennen in Monza am Sonntag anfallen, sagt John Howett, Präsident von Toyota Motorsport, während er mit einem Auge auf die angezeigten Rundenzeiten auf den großen Plasma-Bildschirmen im Fahrerlager schielt. In riesigen Datenbanken werden Informationen über alle Rennen und Rennstrecken gespeichert. Auf einem Rüttelgestell in Köln ist immer ein Auto festgezurrt, um simulierte Testfahrten zu absolvieren. „Änderungen können wir drahtlos nach Köln übertragen und eine virtuelle Runde mit einer neuen Abstimmung fahren lassen. Zehn Sekunden später wissen wir, ob es sich lohnen könnte“, sagt Howett.

Die Datenschlacht zeigt Resultate. In endlosen Windkanalversuchen und Rechnersimulationen haben die Teams so schätzungsweise schon zwei Drittel der zu Jahresbeginn verordneten Verschlechterungen der Fahrzeugaerodynamik wieder aufholen können. Damit wollte die Fia die Zahl der Überholmanöver erhöhen und die Geschwindigkeiten senken.

Um das Hase-und-Igel-Rennen zu beenden, plant Fia-Chef Mosley den Großangriff: Zur Saison 2008 sollen die Technologieregeln revolutioniert werden. Das Problem dabei ist, dass er die Abrüstung auch den großen Autoherstellern schmackhaft machen muss, die die Formel 1 als Bühne für ihre Technologie nutzen.

Quasi als Ausgleich könnte künftig das Thema Umweltschutz in den Vordergrund rücken. Striktere Limits für den Spritverbrauch würden die Entwicklung leistungsstarker und leichter Hybrid-Antriebe forcieren. Bei einem vorgegebenen Maximalgewicht würde die Forschung in Richtung optimale Leistungsausbeute gehen. Da sind dann auch die Zahlenfresser im Hintergrund wieder gefragt. HB

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