Sport : Angriff der Nasenbären

Die Formel 1 testet für die neue Saison. Das neue Reglement dürfte es Weltmeister Vettel schwerer machen.

Karin Sturm[Jerez]
Geschwindigkeit geht vor Schönheit. Mark Webber konnte den neuen, gewöhnungsbedürftigen Red Bull am Dienstag schon ausprobieren, sein Teamgefährte Sebastian Vettel bereitet sich erst einmal mit Fitnesstraining auf dieVerteidigung des WM-Titels vor. Foto: dpa
Geschwindigkeit geht vor Schönheit. Mark Webber konnte den neuen, gewöhnungsbedürftigen Red Bull am Dienstag schon ausprobieren,...Foto: dpa

Die Spötter in der Formel 1 haben sich schon am ersten Testtag neue Spitznamen ausgedacht. Von „Nasenbären“ und „Schnabeltieren“ war die Rede, als am Dienstag die neuen Rennwagen des Jahrgangs 2012 im spanischen Jerez zum ersten Mal auf die Strecke gingen. Bei strahlendem Sonnenschein, aber zumindest am Morgen noch sehr kühlen Temperaturen, wurde um Punkt 9 Uhr von Heikki Kovalainen die Jagd auf Weltmeister Sebastian Vettel eröffnet. Mit den nach Ansicht vieler Experten hässlichsten Formel-1-Autos, die es je gab. Der Grund: Eine neue Regel, die vorschreibt, dass die Frontpartie der Autos – aus Sicherheitsgründen – ab einem bestimmten Punkt nur noch eine Höhe von 55 Zentimetern aufweisen darf. Das führt bei allen Autos, außer bei McLaren, wo man schon im letzten Jahr ein anders Konzept mit einem tiefer liegenden Chassis hatte, zu einer deutlich flacheren Nase.

Selbst die Designer der Autos finden ihre Schöpfungen 2012 meist „nicht besonders schön“, wie Adrian Newey, das Superhirn hinter den Erfolgen von Red Bull und Sebastian Vettel, zugibt. „Es ist schon schade, wenn man eine Lösung suchen muss, die optisch sicher nicht die attraktivste ist. Aber wenn das Reglement uns quasi dazu zwingt, was soll man dann machen?“, fragt Newey. „Am Ende muss die Funktionalität und der Speed vor der Schönheit kommen.“ Schließlich, da sind sich Konstrukteure und Fahrer einig, gelte das Wort von Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der vor einiger Zeit schon einmal feststellte: „Am Ende ist das, was schnell ist, auch schön.“

Der Weltmeister fehlte allerdings am ersten Tag noch: Sebastian Vettel steigt erst am Donnerstag in sein neues Dienstauto und nutzt die Zeit bis dahin noch zu Hause in der Schweiz zum Fitnesstraining. Vettel erwartet in dieser Saison einen härteren Titelkampf als 2011. „Auch letztes Jahr konnte man ja nicht erwarten, dass es dann in der Hinsicht so einseitig wird. Bei uns hat einfach alles gestimmt“, hatte Vettel zuletzt gesagt. „Ich glaube, die Unterschiede waren letztes Jahr auch nicht allzu groß, aber wir hatten so gut wie keine Probleme mit der Zuverlässigkeit. Also war das auch in der Hinsicht ein perfektes Jahr.“ Darauf habe man versucht, beim neuen Auto aufzubauen.

Der Heppenheimer sieht auch in der neuen Saison Chancen für die im vergangenen Jahr oft deutlich abgehängte Konkurrenz. „Einige Dinge vom Reglement haben sich geändert, die ganze Diskussion um den Auspuff fällt weg“, sagte er. Das Anblasen des Diffusors im Heck mit Auspuffgasen ist in dieser Saison verboten, alle Teams suchen nun nach Lösungen suchen, um dafür einen gewissen Ausgleich zu finden. „Das macht es natürlich gerade für die ein bisschen einfacher, die vielleicht damit ein bisschen Schwierigkeiten hatten“, sagte Vettel. „Ich glaube deshalb, dass das ganze Feld ein bisschen näher zusammen rücken wird.“

Bis jetzt hat sich das Weltmeisterteam ziemlich rar gemacht: Am Montag gab es nur eine Minipräsentation des Autos im Internet, mit einem 90-Sekunden-Filmchen und zwei merkwürdigen Abbildungen, die Red Bull selbst zwar als Fotos, der Rest der Welt aber als Zeichnungen interpretierte. Am Dienstag war Vettels Teamkollege Mark Webber dann auch noch der letzte, der auf die Strecke ging, um 11.53 Uhr. Daran war allerdings höhere Gewalt im Spiel: Nebel hatte den Flieger, der den neuen Heckflügel bringen sollte, gestoppt. So war man bei Red Bull den Rest des Tages erst einmal hauptsächlich mit Basisarbeiten beschäftigt – allerdings sagen die Zeiten der ersten Testtage ja meist sowieso so gut wie nichts aus.

Mercedes fährt in Jerez sogar noch mit dem 2011er-Auto, das neue Modell wird erst beim nächsten Test am 21. Februar in Barcelona vorgestellt. Offiziell will man mehr Entwicklungszeit haben. Es wird aber auch vermutet, dass es an dem neuen Silberpfeil einige Lösungen des Auspuff- und Anblasthemas im Grenzbereich geben wird, die die Konkurrenz und auch der Weltverband Fia erst so spät wie möglich zu Gesicht bekommen sollen.

Dass das neue Reglement gleich wieder zu Streitigkeiten führen könnte, will Newey nicht ausschließen, hofft aber, dass es nicht dazu kommt: „Eigentlich ist das neue Regelwerk ziemlich eindeutig, speziell, was das Auspuffthema angeht.“ Die eine große Idee, um das alles mit einem Schlag auszugleichen, gebe es sicher nicht. „Aber natürlich kann es immer wieder Lösungen geben, bei denen dann über die Interpretation der Regeln diskutiert werden kann“, sagte Newey. Auch die Saison der Schnabeltiere wird die Formel 1 also wohl kaum ohne Tricks und Streitereien auskommen.

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