Sport : Angriff der Schönspieler

Kiel will nach dem Meistertitel als Nächstes den Champions-League-Sieg

Erik Eggers[Kiel]

Dieser Titelgewinn ist eigentlich unmöglich. Weil er das wichtigste Gesetz des Handballs konterkariert, und dieses Gesetz lautet: Eine Mannschaft, die Erfolg haben will, muss sich über Jahre einspielen, muss in heiklen Situationen Erfahrungen sammeln. Deshalb zählte der THW Kiel zu Saisonbeginn nicht zu den Topfavoriten der Bundesliga, denn Trainer Noka Serdarusic musste fünf teilweise sehr junge Spieler eingliedern. Natürlich, der französische Rückraumstar Nikola Karabatic hatte schon mit Montpellier die Champions League gewonnen, der slowenische Rechtsaußen Vid Kavticnik kam als Vize-Europameister, der schwedische Linkshänder Kim Andersson als Junioren-Weltmeister. Aber alle sind noch jung.

Doch dieser THW Kiel steht als Meister fest, schon zwei Spieltage vor Ende der Saison. Die Kieler besiegten den TBV Lemgo am Dienstagabend zu Hause 37:29, das war schon bedeutsam. Aber entscheidend für den Titelgewinn war die zeitgleiche 24:26-Niederlage der SG Flensburg-Handewitt bei der SG Kronau- Östringen. Damit hat der größte Konkurrent der Kieler keine Chance mehr auf den Titelgewinn. Zum zwölften Mal ist der THW nun Deutscher Meister, so viele Titel hatte bisher nur der VfL Gummersbach geholt. 10 000 Zuschauer in der Kieler Ostseehalle feierten Party.

THW-Trainer Serdarusic ist logischerweise hochzufrieden. „Eine solche Serie hatte keiner erwartet“, sagt der Coach. „Die Experten sagen, dass man Zeit brauche, bis sich eine Mannschaft finde. Wir haben das Gegenteil bewiesen.“ Der Trainer ist selber Experte, immerhin arbeitet er schon seit 1993 in Kiel. Es ist sein neunter Meistertitel mit dem THW. Und die Konkurrenz ist schwer beeindruckt. „Der THW arbeitet seit Jahren auf hohem Niveau, dieser Titelgewinn wundert mich nicht“, sagt zum Beispiel Gummersbachs Manager Stefan Hecker.

Der THW hat dank des kaufmännischen Geschicks von Manager Uwe Schwenker seit Jahren den höchsten Etat aller Mannschaften – in dieser Saison beträgt er rund 5,5 Millionen Euro. Das ist einer der Gründe für den langfristigen Erfolg, aber in dieser Saison kam noch eine teaminterne Eigendynamik hinzu. Nachdem sich im Herbst mit Aufbauspieler Stefan Lövgren der Regisseur des Teams verletzt hatte, entwickelte sich, als spielerische Alternative, ein „Highspeed-Handball“ (Schwenker). Initiiert durch den österreichischen Nationalspieler Viktor Szilagy überrannte Kiel am Ende der Hinrunde jeden Gegner mit Schnellangriffen. Legendär war der 54:34-Sieg gegen den SC Magdeburg, den Champions- League-Sieger von 2002. Szilagy kam vom Bundesliga-Zwangsabsteiger TuSEM Essen zum THW Kiel.

Nun widmet sich der THW seinem größten Traum: dem Gewinn der Champions League. Der aktuelle Titelträger, das spanische Team Ciudad Real, hat zwar das teuerste Team der Welt, aber Serdarusic sagt forsch: „Ciudad hat gute Leute, aber das Team spielt keinen attraktiven Handball.“ Der Handball, den der THW zeige, sei „zehn Mal schöner als der von Ciudad Real“. Auch Schwenker sagt: „Ciudad ist keine Übermannschaft.“ Dieses Selbstbewusstsein hat eine Basis: Der THW verpflichtet für die neue Saison neben dem schnellen Linksaußen Dominik Klein vom TV Großwallstadt auch den Dänen Lars Krogh Jeppesen. Der wuchtige Rückraumspieler zählt zu den weltbesten Abwehrspielern, bislang in Diensten des spanischen Spitzenklubs FC Barcelona.

Ciudad seinerseits wollte unbedingt den schwedischen Kreisläufer Marcus Ahlm, doch der verlängerte gerade seinen Vertrag bis 2009 – beim THW Kiel.

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