• Angriff ist die schlechteste Verteidigung Argentinien spielt bei der Copa America zu gut

Sport : Angriff ist die schlechteste Verteidigung Argentinien spielt bei der Copa America zu gut

Martín E. Hiller[Lima]

Bei der vergangenen Fußball-EM konnte man sie ganz gut anwenden, die alte Weisheit: Fußball ist nicht gerecht, und: Gutes Spiel führt nicht zwangsweise zu Siegen. Die Tschechen mussten das ebenso erleben wie die Portugiesen oder auch Holland. Bei der aktuellen Copa America, der lateinamerikanischen Fußball-Meisterschaft, sind es vor allem die Argentinier, die mit ihrer Fußball-Philosophie ein paar Probleme haben und sich die Frage stellen: Kann man zu gut spielen? Die Südamerikaner haben gerade zusammen mit Pokalverteidiger Kolumbien das Halbfinale erreicht, und sie haben in Marcelo Bielsa einen Trainer, der seine Strategie und seine Fußball-Philosophie in einem Satz auszudrücken pflegt: „Argentinien muss immer angreifen.“

Mit dieser Taktik scheiterte er indes bereits bei der WM 2002 in Japan und Südkorea. Seine namhaften Gruppengegner Nigeria, England und Schweden zogen sich ausnahmslos bis an den eigenen Strafraum zurück und ließen die Blau-Weißen kommen. Diese griffen an, mit zwei Außenstürmern und einer echten Spitze sowie einem massiert nachrückenden Mittelfeld. Dann traten sie sich – wie die Holländer im Halbfinale gegen Portugal in Halbzeit zwei – gegenseitig auf die Füße, kamen insgesamt nur zu zwei Toren und schieden aus.

Bei der Copa America läuft es besser, aber doch ähnlich. Argentinien stürmt, und alle anderen fliehen. In den Gruppenspielen gegen Ekuador (6:1) und später Uruguay (4:2) ging es gut, gegen Mexiko nicht. Die „Selección“ verlor das Spiel 0:1 und musste ums Weiterkommen bangen. Auf die Frage, ob er nun seine Strategie ändern müsste, sagte Bielsa dem Tagesspiegel: „Nein, das Ergebnis war einfach ungerecht. Normalerweise hätten wir eine unserer guten Möglichkeiten verwandeln müssen, und alles wäre in Ordnung gewesen.“

Brasilien, der andere große Favorit und viermalige Weltmeister, ist ein gutes Gegenbeispiel zur argentinischen Philosophie: Brasilien hat seine Stars fast komplett in Europa gelassen. Ohne sie wirkt das gold-grüne Team nicht so Furcht einflößend, was aber kein Nachteil zu sein scheint: Die Gegner nahmen das Spiel an, anstatt sich hinten reinzustellen. Die Brasilianer konnten nicht ganz so großen Druck wie Argentinien entwickeln, waren aber auch mit ihrem zweiten Anzug noch überlegen und hatten dazu Raum, den sie nutzen konnten. Sie schlugen Chile und Costa Rica ohne Aufregung und erlaubten sich gelangweilt dribbelnd zum Abschluss der Vorrunde sogar eine Niederlage gegen Paraguay. Im Viertelfinale wartete jetzt Mexiko, das Spiel war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet.

Die Argentinier dagegen taten sich in der K.o.-Runde am Samstag gegen Peru prompt leichter als zuvor in der Gruppe. Kein Wunder, denn die Gastgeber wurden von 25 000 Zuschauern im komplett rot-weißen Estadio Elias Aguirre von Chiclayo nach vorne gepeitscht. Unter diesen Umständen ist es schwer für eine Mannschaft, sich hinten rein zu stellen und abzuwarten. Deswegen hatte Argentinien im Mittelfeld zwar nicht mehr ganz so oft Zeit für ansehnliche Kombinationen, aber danach etwas mehr Platz vor dem peruanischen Tor. Am Schluss standen weniger Tormöglichkeiten zu Buche, doch dafür ein 1:0-Sieg. Ob es auch der Sieg für Bielsas System war, müssen die kommenden Partien allerdings erst noch zeigen.

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