Sport : Angriff ist seine Verteidigung

Etappensieger Jens Voigt erzwingt das Glück mit beherzten Attacken

Sebastian Moll[Montelimar]

Vielleicht kann man sich als durchschnittlicher Freizeitsportler nicht vorstellen, wie das ist. Wie das ist, wenn man zwei Tage lang auf den steilen Passstraßen der Pyrenäen Radrennen gefahren ist, einmal davon über 200 Kilometer und fünf Gipfel; wie das ist, wenn man sich dann am nächsten Tag bei mehr als 30 Grad schon wieder über 200 Kilometer quält, und wenn man dann morgens am Start steht, matt, mit steifen Beinen und schmerzenden Gliedern, die Luft ist 35 Grad heiß, und es stehen 231 Rennkilometer auf dem Programm.

Der verständliche Gemütszustand in dieser Situation wäre Resignation und Zorn auf das Rennen sowie auf den Beruf Radprofi. Nicht für Jens Voigt. Der Berliner verarbeitet die Strapazen auf seine Weise: Er greift an, bereits nach 20 Kilometern, fünf Stunden vor sich auf 50 Grad heißem Asphalt. Voigt tut das erst recht dann, wenn er sieht, dass die anderen Fahrer demoralisiert sind und es eine kleine Chance gibt, dass die Flucht wirklich klappt. Sie hat geklappt.

Jens Voigt hat am Samstag zum zweiten Mal nach 2001 eine Tour-Etappe gewonnen. Erneut siegte er in der Manier, die schon zu seinem Markenzeichen geworden ist – mit einem heroischen Angriff. „Attackieren ist das einzige, was ich richtig kann“, sagt Voigt. „Als Sprinter, Kletterer oder Zeitfahrer bin ich eben nur mittelmäßig.“ Als „Barodeur“, wie die Franzosen die Beherzten des Radsports nennen, ist er hingegen Spitze.

Das Gewerbe der Attacke, sagt Voigt, ist eher eine Frage des Charakters als eine des Talents. „Ich prügele auf mein Glück ein, bis es nachgibt.“ Oft hat es nachgegeben.

Am Samstag in der Provence war es wieder so weit. Voigt gewann auf die gleiche Art wie bei seinem ersten Tour-Etappen-Sieg. Voigt besitzt ein Kämpferherz. Das bewies er schon vor zehn Jahren. Damals löste sich sein drittklassiger polnischer Rennstall auf. Voigt war arbeitslos, niemand in Deutschland wollte ihn haben – keine deutsche Zweitdivisionsmannnschaft und schon gar nicht T-Mobile. Er ging mit Sack und Pack nach Frankreich, ließ Freunde und Familie in Berlin zurück und entwickelte sich in der Ferne zu einem der begehrtesten Radprofis auf dem Markt.

Im Fahrerfeld ist er inzwischen beliebt. Vor seinem Sieg beugte sich Voigt zu Oscar Pereiro, mit dem er zusammen erfolgreich ausgerissen war, und scherzte: „Du fährst jetzt ins Gelbe Trikot. Deshalb musst Du auch ein bisschen arbeiten.“ Der Spanier Pereiro war aber körperlich nicht mehr in der Lage, beim Siegessprint mitzuhalten. Der letzte von ursprünglich vier Wegbegleitern nach einer 209 Kilometer langen Flucht wirkte müde. Pereiro, der tatsächlich das Trikot des Spitzenreiters übernahm, nahm Voigt den Scherz nicht übel. Und so trug der Berliner auch nach der Siegerehrung sein Selbstbewusstsein zur Schau. „Ich bin überhaupt nicht müde. Ich könnte aufs Rad steigen und die Etappe zurückfahren. So großartig fühle ich mich", sagte Voigt nach der Siegerehrung.

Es scheint, als sei Jens Voigt zu sich selbst zurückgekehrt. Er fährt für den dänischen Rennstall CSC und lebt außerhalb der Saison wieder in Berlin. CSC ist in den ersten zwei Tour-Wochen auseinandergefallen. Kapitän und Tourfavorit Ivan Basso wurde wegen Dopingverdachts verbannt, Giovanni Lombardi stieg aus, Bobby Julich stürzte schwer, vier weitere Fahrer sind verletzt. Und was tat Voigt? Er attackierte. Das ist seine Antwort.

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