Sport : Angriff vor Gericht

Im Springstein-Prozess verlangt die Verteidigung ein Ende des Verfahrens

Friedhard Teuffel[Magdeburg]

Eileen Müller war schon eine halbe Stunde vor Prozessbeginn erschienen. Sie war die einzige Zeugin dieses dritten Verhandlungstages und sollte gegen ihren früheren Leichtathletiktrainer Thomas Springstein aussagen. Ihm werden Verstöße gegen das Arzneimittel- und Heilpraktikergesetz vorgeworfen. Eileen Müller soll er Spritzen verabreicht haben, obwohl er dazu nicht befugt ist. Doch wie schon am zweiten Tag war die 23 Jahre alte Müller umsonst ins Amtsgericht Magdeburg gekommen. Die beiden Verteidiger Springsteins wollten wieder einmal selbst den Ablauf des Verfahrens bestimmen.

Diesmal entschieden sich die beiden Rechtsanwälte Peter-Michael Diestel und Johann Schwenn für die schärfsten Waffen, die das Prozessrecht zu bieten hat. Erst beantragten sie, das Verfahren gegen ihren Mandanten ganz einzustellen. Als das Gericht dem jedoch nicht nachkam, stellten sie gleich Richterin Astrid Raue und ihre beiden Schöffen wegen angeblicher Befangenheit in Frage.

Anlass für ihren Großangriff war die Veröffentlichung von mehreren E-Mails von und an Springstein im Wortlaut in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Diese E-Mails waren bei einer Durchsuchung im Haus von Springstein auf dessen Computer als Beweismittel sichergestellt und am zweiten Prozesstag auf Antrag der Staatsanwältin Angelika Lux verlesen worden, allerdings so schnell, das „selbst ein geübter Stenograph nicht hätte folgen können“, wie Rechtsanwalt Schwenn befand. Sein Verdacht lautet daher: Staatsanwältin Lux habe die E-Mails verbotenerweise weitergeleitet – mit gravierenden Folgen für seinen Mandanten.

In einer der E-Mails erwähnt Springstein schließlich das Präparat „Repoxygen“. „Das neue Repoxygen ist schwer erhältlich“, schreibt der 47 Jahre alte Springstein an einen „Doc“. Es ist das erste Mal, dass ein so genanntes Gendopingpräparat öffentlich auftaucht. Spritzen mit Repoxygen verändern die Genstruktur des Menschen, führen zur Eigenproduktion des Proteins Erythropoetin (Epo) und damit zur Verbesserung der Ausdauerleistung. Diese Form des Dopings ist kaum nachweisbar. Bislang befindet sich Repoxygen aber erst im Tierversuch.

Die Berichterstattung über Gendoping habe Springstein „irreparablen Schaden zugeführt“, sagte Schwenn nun. Er sprach von einer „Medienhetze“ gegen den ehemaligen Trainer, der früher auch die Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe und seine Lebensgefährtin Grit Breuer betreut hatte. „Die Staatsanwaltschaft hat die Vorlage zur Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Herrn Springstein geliefert“. Schwenns Kollege Diestel sagte, es sei nun ausgeschlossen, dass über Springstein noch vorurteilsfrei befunden werde: „Hier geht es um die soziale Vernichtung von Herrn Springstein und seiner Lebensgefährtin Grit Breuer.“

Das Gericht konnte diese Einwände jedoch nicht nachvollziehen und zog dadurch erst recht den Ärger der Verteidigung auf sich. Schwenn beantragte im Namen des Angeklagten, die Richterin und ihre beiden Schöffen wegen Befangenheit auszutauschen. „Die Festlegung des Gerichts ist unübersehbar“, sagte Schwenn. Am Montag wird eine Entscheidung über den Antrag bekannt gegeben.

Rechtsanwalt Diestel sieht Thomas Springstein und seine Lebensgefährtin Grit Breuer aber schon jetzt „durch bösartige Meinungsmache gesamtdeutsch desavouiert“. Die Verlesung der E-Mails durch die Staatsanwältin sei der Auftakt zu einer „Gendoping-Kampagne“ gewesen. Auf die Frage, ob es ihn nicht nachdenklich stimme, dass ausgerechnet sein Mandant mit dem bisher weitgehend unbekannten Gendoping in Verbindung gebracht werde, antwortete Diestel: „Der Begriff Gendoping ist in der Tat etwas Neues. Aber wenn es nicht nur oberflächliches Interesse an diesem Thema wäre, dann würden die Vorwürfe in sich zusammenfallen.“

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