Sport : Angst raubt Kraft

Warum Wladimir Klitschko nicht hätte verlieren dürfen

Michael Rosentritt

Es gibt nur wenige Schwergewichtler auf der Welt, deren Spannweite von der linken zur rechten Faust bei waagerecht ausgestreckten Armen größer ist als die Körperlänge. Bei Wladimir Klitschko ist das der Fall. Nur muss ein Boxer diesen Vorteil auch aktiv nutzen können, vor allem, wenn der Gegner 14 Zentimeter kleiner und fast acht Kilogramm leichter ist, wie Lamon Brewster. Ein Gegner mit solchen Nachteilen, auch vom gesamten Boxvermögen, kann sein Heil nur am Mann, im Infight, suchen, wo er mit kurzen Haken arbeiten kann. Das setzt aber voraus, dass er die natürliche Distanz, meist vorgegeben durch die Führhand des größeren Boxers, überwindet.

Klitschko hat ihn herangelassen, das war ein großer Fehler. Seine linke Führhand, der Jab, der in der Szene vermutlich beste seit zehn Jahren, hätte Klitschko alleine reichen müssen, um Brewster auf Distanz zu halten und um ihn müde zu boxen. In den ersten beiden Runden boxte Klitschko Brewster mit diesem Jab spielend aus. Vermutlich wäre Klitschko mit dem linken Jab allein Weltmeister geworden, nicht in Runde vier, sechs oder acht, aber nach zehn oder zwölf Runden. Der zweite Fehler war mangelnde taktische Disziplin, mangelnde Einteilung.

Schlimmer noch: Offensichtlich hatte Klitschko überhaupt kein taktisches Konzept. Stattdessen versuchte er, seinen Gegner schnell auszuknocken, was viel Kraft und Energie gekostet hat. Eine solche Marschroute geht selten gut, schon gar nicht bei sehr großen Boxern, die sehr viel mehr an Kraft und Energie aufwenden müssen, oder anders gesagt: Sie verlieren mit jeder Aktion ein bisschen schneller davon. Klitschko dagegen drückte, klammerte, schubste – und verlor noch mehr Kraft.

Dabei waren Klitschkos Werte in der Vorbereitung sehr gut: Doch psychischer Stress, vielleicht Angst – die Erinnerung an seinen K.o. vor einem Jahr – kosten Kraft und rauben Konzentration. Anscheinend hatte Klitschko große Angst und große Kraftverluste, denn in Runde vier konnte er nicht einmal mehr seine Deckung hochhalten.

Getrieben von der Angst, selbst zu Boden zu müssen, prügelte Klitschko viel zu viel und viel zu überhastet auf Brewster ein. In der vierten Runde, Klitschko hatte längst realisiert, dass ihm die Kräfte schwanden, hatte er Brewster zu Boden geschlagen, ohne aber die Entscheidung herbeiführen zu können. Er hatte selbst in der Offensive den Überblick verloren. Sein überhastetes, unpräzises und unkoordiniertes Nachsetzen waren das Signal für einen selbst bereits angeschlagenen Gegner: Hier geht noch was. Auch aus der Ringecke Klitschkos, vom neuen Trainer Steward, kamen nicht unbedingt die klügsten Statements. Anstatt zur Ruhe zu mahnen, sagte Steward: „Beautiful fight – schöner Kampf“ und suggerierte Klitschko, alles liefe glatt. Das Gegenteil war der Fall, und Klitschko nicht mehr Herr seiner Sinne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar