Sport : Angst vor der großen Show

Christian Hönicke

Es ist keine leichte Zeit für American-Football-Fans, zumal für ungeduldige. Nicht nur, dass sie in diesem Jahr eine Woche länger als sonst auf ihr jährliches Highlight, den Superbowl, warten müssen. Durch die Terroranschläge vom 11. September sah sich die US-Profiliga NFL zu einer Maßnahme genötigt, zu der sie sich selbst in Zeiten des Vietnam- oder Golfkriegs nicht hatte durchringen können: Das Endspiel wurde von seinem angestammten Platz, dem letzten Sonntag im Januar, erstmals in den Februar transplantiert.

Doch damit nicht genug der wenig erfreulichen Nachrichten. Auch diejenigen, die - nicht selten unter Einsatz des Familienwagens oder Ferienhauses - an die begehrten Eintrittskarten gekommen sind, sind noch längst nicht am Ziel ihrer Wünsche. Bevor sie die Austragungsstätte des 36. Superbowls, den Louisiana Superdome in New Orleans, betreten dürfen, werden sie eine langwierige Durchsuchungsprozedur über sich ergehen lassen müssen. Denn in den USA ist man nervös geworden nach den Vorkommnissen im September letzten Jahres. Nicht nur auf nationalen Flughäfen herrscht die höchste Sicherheitsstufe, sondern auch beim Sport. Behälter jeder Art, Mobiltelefone, selbst Regenschirme dürfen nicht mit in die Arena genommen werden oder werden penibelst untersucht. Letztere wird man in der Halle zwar ohnehin nicht brauchen. Doch das zeigt, dass man nun auch einkalkuliert, was früher eigentlich undenkbar schien: Der Superbowl, das amerikanischste aller Feste, könnte ein mögliches Anschlagziel von Terroristen sein.

Seuchenalarm wird geprobt

Die Angst ist groß. Besonders, weil neben den mehr als 80 000 Stadionbesuchern - unter ihnen zahlreiche Firmenchefs, Film- und Musikstars - und den 40 000 Fans in der unmittelbaren Umgebung der Arena auch noch ein Großteil einer weiteren spaßorientierten Fraktion in New Orleans weilen wird. Knapp eine Million Besucher des amerikanischen Karnevals Mardi Gras werden am Sonntag schon in der Stadt am Mississippi sein, obwohl der abschließende Karnevalstag Fat Tuesday erst eineinhalb Wochen später gefeiert wird. "Eine gute Gelegenheit für jemanden, um ein Statement abzugeben", sagt der Feuerwehr-Superintendent Terry Tullier gegenüber der Presseagentur AP. Die Sicherheitsmaßnahmen, um ein solch unerwünschtes Statement zu verhindern, erreichen eine nie gekannte Größenordnung. Diverse Einrichtungen, darunter der Secret Service, das FBI und das amerikanische Rote Kreuz, wollen für Sicherheit am Boden und in der Luft sorgen. Diverse Szenarien, von mysteriösen Seuchen bis hin zur Evakuierung, werden seit einem Monat durchgespielt, alle Sicherheitsagenturen der Stadt wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Anstelle der üblichen Werbezeppeline umkreisen in diesem Jahr einsatzbereite Rettungshubschrauber das Endspielstadion. Die Behörden sind vorbereitet. "Der Superdome", so Tullier, "wird am Sonntag der sicherste Platz in Amerika sein."

Diese besondere Aufmerksamkeit wird am 3. Februar auch den beiden Finalteams zu teil, den St. Louis Rams und New England Patriots. Das Überraschungsteam aus New England befriedigte die Gier der Amerikaner nach einer neuerlichen Überraschungs-Story, als es am vergangenen Sonntag die favorisierten Pittsburgh Steelers im Halbfinale mit 24:17 bezwang - angeführt von ihrem Quarterback Tom Brady, der vor dieser Saison ganze drei Pässe in der NFL geworfen hatte. Sein Gegenüber Kurt Warner von den Rams, die sich erwartungsgemäß mit 29:24 gegen Philadelphia durchsetzten, kennt diese Situation. Vor zwei Jahren war der Stern des früheren Supermarktverkäufers aufgegangen, als er das Verliererteam aus St. Louis zu Superbowl-Champions machte. Die Wiederholung eines solchen Triumphs hängt vor allem davon ab, ob er seine Angriffsreihe wie gewohnt dirigieren kann. Die haben die Amerikaner ob ihrer spektakulären Spielweise schlicht "Die größte Show der Welt" getauft. Im Gegensatz zum letzten Jahr könnte es diesmal also wieder spannend werden - hoffentlich nur auf dem Spielfeld.

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