Sport : Angst vor leeren Händen

Sporting Lissabon tritt im eigenen Stadion im Uefa-Cup-Finale gegen Moskau an – der Druck ist immens

Tilo Wagner[Lissabon]

José Peseiro hat Angst. Er sagt es nicht, aber es ist ihm anzumerken, an der Art wie er spricht und vor allem an dem, was er sagt. José Peseiro hat Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen. „Es ist ein Spiel zwischen einer Mannschaft, die nichts zu verlieren hat, und einer, die alles zu verlieren hat“, sagt der Trainer von Sporting Lissabon. Er steht auf der Seite, die gewinnen muss. „Auf uns lastet ein großer Druck“, sagt Peseiro. „Unsere Fans verlangen von uns den Pokal“, ergänzt Stürmer Mauricio Pinilla. „Wir dürfen sie nicht enttäuschen.“

Selten war die Verteilung der Rollen in einem Uefa-Cup-Finale so eindeutig wie in dem heutigen. Sporting Lissabon ist im heimischen Alvalade-Stadion klarer Favorit, vom Endspielgegner ZSKA Moskau spricht in Lissabon eigentlich niemand. Und genau darin liegt die Gefahr. Das weiß auch José Peseiro.

41 lange Jahre mussten die Fans von Sporting Lissabon warten, um ihre Mannschaft wieder in ein Europapokal-Endspiel einziehen zu sehen. Der Zeitpunkt indes hätte nicht besser gewählt sein können: In diesem Jahr wird das Finale nicht nur in Lissabon stattfinden, sondern auch noch im Heimstadion des Vereins. Nachdem Moskau 8000 nicht verkaufte Karten zurückgeben musste, werden fast 40000 grün-weiß gewandete Sporting-Fans ihre Mannschaft frenetisch unterstützen.

Der Uefa-Pokal stellt so etwas wie die letzte Hoffnung für Mannschaft und Fans dar. Am Samstag verlor Sporting das entscheidende Stadtderby und damit auch den portugiesischen Meistertitel an den Rivalen Benfica Lissabon. Das erhöht den Druck auf die Spieler nur noch. Dabei ist es eigentlich bemerkenswert, dass Sporting überhaupt den Weg ins Finale gefunden hat. Ähnlich wie ZSKA Moskau zählte das Team vor Beginn der Saison nicht unbedingt zu den ersten Anwärtern auf einen Europapokal-Sieg.

Die Mannschaft um José Peseiro, der im vergangen Jahr als Assistenztrainer bei Real Madrid auf der Bank saß, lebt von seiner Ausgeglichenheit. Außer dem Brasilianer Liedson, der bisher 25 Ligatore und neun Uefa-Cup-Treffer erzielte, sticht kein Spieler besonders hervor. Peseiro hat eine gute Mischung aus Nachwuchsfußballern und Routiniers gefunden: Die erfahrenen Pedro Barbosa und Sá Pinto führen eine Reihe hoffnungsvoller Talente, die aus dem berühmten Sporting-Fußballinternat stammen, in dem schon Luis Figo und Cristiano Ronaldo zu Spitzenfußballern ausgebildet wurden. In dieser Saison hat der erst 18-jährige João Moutinho angedeutet, dass er den großen Vorbildern auf ihrem Weg in die Weltspitze folgen könnte. Im Tor steht Portugals Nationaltorhüter Ricardo, an dem an einem guten Tag kaum ein Stürmer vorbeikommt. Doch insbesondere im Luftkampf offenbart der Held Portugals vom EM-Viertelfinalkrimi gegen England im vergangenen Jahr zuweilen verheerende Schwächen.

Über die Schwachpunkte Sportings wird ZSKA Moskau bestens informiert sein. Schließlich ist der Haupteigentümer des Vereins der russische Milliardär Roman Abramowitsch, der bekanntlich bei Chelsea mit José Mourinho einen der brillantesten Kenner des portugiesischen Fußballs unter Vertrag hat.

Zwei der torgefährlichsten Moskauer Spieler werden sich zumindest sprachlich in Lissabon heimischer fühlen als bei ihrem Klub. Der exzentrische Brasilianer Vagner Love und sein Landsmann Daniel Carvalho sind mit dafür verantwortlich, dass ZSKA zu einem Spitzenteam geworden ist. „Wir wollen, wie Griechenland vor einem Jahr, als Überraschungsmannschaft den Pokal aus Portugal mit nach Hause nehmen“, sagt Carvalho. Bisher hat noch keine russische Mannschaft den Uefa-Cup gewonnen.

Sollte Sporting dem Druck standhalten, würde zum dritten Mal hintereinander ein portugiesisches Team einen Europapokal gewinnen. Das hat auch Folgen für die Bundesliga: Denn in der Fünfjahreswertung, die für die Vergabe der Europapokalplätze ausschlaggebend ist, würde Portugal dann nächstes Jahr vor Deutschland liegen.

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