Sport : Angst vor Waterloo und Weltuntergang

Fußballgott, hilf! Der 1. FC Union steckt in einer schweren Identitätskrise und lässt die Fans vor dem Heimspiel gegen Nürnberg leiden

Lothar Heinke

Berlin. Brav wie gute Schüler sitzen sie in der VIP-Lounge und hören, was ihnen der Lehrer sagt. Nichts dringt nach draußen. Alles ist geheim. Und wichtig.

Der grauhaarige Mensch vorn an der Tafel ist gerade dabei, den 1. FC Union zu retten, rein theoretisch jedenfalls. Trainer Aleksandar Ristic haben sie in die Wuhlheide geholt, damit er den Brand löscht, der den Köpenicker Kiez- und Großberliner Kultklub zu verzehren droht. Der Mann bringt seinen Jungs gerade das Siegen bei. Wieder, wie so oft in letzter Zeit, setzt das Schicksal erbarmungslos den Hobel an, diesmal gegen die aufstiegswütigen Nürnberger. Alles oder nichts! sagt der Feuerwehrmann und bläst nach drei verlorenen Spielen unter seiner Regie zur Attacke: Jetzt – oder nie mehr wieder.

Die Lage ist ernst für den Verein, der 2001 mit dem Pokalfinale den Gipfel der Glückseligkeit erklomm, so ernst wie nie in seinen drei Zweitliga-Jahren: Union steht im Tabellental auf Platz 17 (von 18) und hat nur noch sechs Spiele, um die für einen Nicht-Abstieg notwendigen Punkte zu holen. Ein Himmelfahrtskommando, Fußballgott, hilf!

Und wenn nicht? Absturz in die Regionalliga, Zuschauerschwund, Weggang wichtiger Spieler und Sponsoren. Viel schlimmer, wie ein gewisser „Studdi“ im Internet ahnt: „Wenn man den Gerüchten Glauben schenkt, dann ist selbst die Zweitligalizenz in Gefahr.“ Der Sportfreund spielt darauf an, dass am Montag die Deutsche Fußball-Liga das Geheimnis um die Lizenzvergaben lüftet: „Kommt der blaue Brief an die Alte Försterei, kommt nächste Saison der BFC Dynamo“. Das wären Waterloo und Weltuntergang in einem, zumindest in Köpenick.

Dessen Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht hält sich bei der Frage, was diese Schande für Berlin bedeuten könnte, gleich beide Augen zu: „Ich bin überhaupt nicht bereit, mit dem Gedanken eines Abstiegs auch nur zu spielen“, sagt er und steht felsenfest zu der Überzeugung, „dass wir die Klasse halten“. Der Fan-Beauftragte Sven Schlensong hat da schon bedeutend mehr Fantasie: „Es wäre eine Katastrophe, für Köpenick, für Berlin und für die Fans. Wir haben lange darauf gewartet, dass an der Alten Försterei der Profi-Fußball rollt, und jetzt zerplatzt dieser Traum.“ Aber noch legt sich nicht die Nacht über die Wuhlheide: Es kommt wie 1988, prophezeit der Ober-Fan. Damals rettete ein 3:2 in letzter Sekunde Union vor dem Abstieg – und Tausende, die mit Sonderzügen nach Karl-Marx-Stadt gerollt waren, lagen sich in den Armen. Diesmal steigt der Showdown am 23. Mai in Burghausen. Es ist der letzte Spieltag der Zweiten Liga, das Ende – oder der Anfang?

Wo kam die Misere zustande? „Nicht nur auf dem Rasen“, sagt Mannschaftskapitän Steffen Baumgart, und Antonio Hurtado, der Neue im umstrittenen Aufsichtsrat, nennt die Aufreger der verkorksten Saison beim Namen: Spiele zu Beginn in Serie verloren, Diskussionen um den richtigen Trainer, kurzfristige (und umstrittene) Entlassung des Präsidenten, Rechtfertigungen des Aufsichtsrats, Schlammschlacht in der Presse, Liquiditätsprobleme, schließlich, sehr spät, ein neuer Trainer, teils lustlose Spieler, enttäuschte Fans. Von wegen: „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn, Schulter an Schulter für Eisern Union“: Klingt manchmal etwas blechern, was Nina Hagen da so schön aufmunternd singt.

Wo sehen die anderen Fans die Gründe dafür, dass ihr lautstarkes Anfeuern von den Rängen zwar das Stadion ins Wanken, aber viel zu selten den viel gerühmten, traditionellen Kampfgeist in die rot-weißen Waden gebracht hat? Die Kiebitze auf dem Trainingsplatz reden über ihre Local Heroes mit einer Mischung aus Resignation, Spott und Bewunderung. Ein junger Bulgare verdreht die Augen, wenn er „ Georgi Wassilew“ sagt – „der fehlt euch, und gerade den habt ihr so ohne Dank und Würde weggejagt“.

Welten lägen zwischen dem vom damaligen Präsidenten Heiner Bertram systematisch demontierten Cheftrainer und seinem Nachfolger Mirko Votava, sagt ein Aufsichtsratsmitglied, der es als ein „Ding aus dem Tollhaus“ bezeichnet, dass der unerfahrene Coach einen Vertrag bis 2005 bekommen habe. Heiner Bertram sei zuletzt ein autoritärer Herrscher gewesen, so kamen Kicker, die nichts getaugt haben, während man gute Leute ziehen ließ. „Die Spieler sind schuld“, sagt ein Zaungast, „zu viel Geld, zu wenig Leistung“. Ein anderer Fan vermisst kommunale Rückenstärkung: Was tut die Stadt für ihren Verein? Kleine Nester wie Aue sind stolz auf ihren Zweitligaklub, aber hier? Hat sich schon mal Herr Wowereit blicken lassen? „Hört auf“, mischt sich ein Mann im Blaumann ein, „die Spieler hauen ab aus diesem Haufen Schrott, und wir trauernden Hinterbliebenen trocknen unsere Tränen. Wir Fans haben alles gegeben. Jetzt seid ihr dran!“, ruft er den Spielern zu. „Letzte Gelegenheit! Und dann feiern wir uns – und nicht euch!“

Da spitzt selbst der dicke Willy die Ohren. Das ist ein kleiner Hund an der Leine von Elfriede Kumpert: Die 73-Jährige hat den Verein vor zehn Jahren mit einem Kredit für ihr Haus in Höhe von 230 000 Mark gerettet, und sie war es, die das Stadion am Anfang dieser Spielzeit ligatauglich machte, weil sie kilometerlang rostige Gitter eigenhändig für 1200 Euro rot-weiß anpinselte. Kein Dank aus der Chefetage, nichts. „Es ist eine Frage der Einstellung“, sagt sie und meint damit die Spieler. „Wissen die überhaupt, wie viele Menschen sie enttäuschen?“

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