Sport : Angst vorm Auftauchen

Die Selbstzweifel der Schwimmerin Liebs

Frank Bachner

Berlin - Schon mittags im Hotel ging die Jammerei los, drei Stunden vor dem Finale. Annika Liebs war im Vorlauf die schnellste Zeit über 200 Meter Freistil geschwommen, sie durfte im Endlauf auf Bahn vier starten, die begehrteste Bahn, genau in der Mitte des Beckens. Aber Annika Liebs wollte lieber Bahn sechs oder sieben. „Da falle ich nicht so auf, wenn ich versage“, stöhnte sie. Beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin waren doch so viele Stars. „Bleib einfach ruhig“, erwiderte Stefan Lurz, ihr Freund und Trainer.

Aber Annika Liebs blieb nicht ruhig, bis kurz vor dem Rennen spürte sie die Angst, wie so oft. Dann stand sie auf dem Startblock, Lurz brüllte ihr etwas zu, das löste die Spannung. Plötzlich lachte seine Freundin. Da wusste der Trainer, dass es ein gutes Rennen würde auf Bahn vier. „Früher hätte sie nicht gelacht.“ Annika Liebs aus Würzburg schwamm 1:55,19 Minuten. Das bedeutete Platz zwei und deutschen Rekord, die 13 Jahre alte Bestmarke von Franziska van Almsick hatte die 26-Jährige um 65 Hundertstelsekunden verbessert. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagte sie.

Das Rennen war ein Hinweis auf das Potenzial der Annika Liebs, das sie noch nicht ausgeschöpft hat. „50 Prozent der Leistung wird von der Psyche bestimmt“, sagt Lurz. Er drückt den Rücken durch und winkelt die Arme an, als wollte er marschieren. „Die Australier oder Amerikaner gehen mit absolutem Selbstbewusstsein in ein Rennen. Annika kann das noch nicht.“ Liebs sagt: „Ich habe viel Angst.“

Es war freilich schon schlimmer, früher, vor dem 1. Januar 2005, als ihr Freund auch ihr Trainer wurde. Seitdem hat sie mehr Krafttraining gemacht und ihre Technik verbessert. „Der Wechsel hat mir auch mental einen Schub gegeben“, sagt sie. Im Frühjahr 2005 schwamm die Lehramtsstudentin „eine Bestzeit nach der anderen“ und mit jeder Bestmarke stieg ihr Selbstbewusstsein ein wenig mehr. Sie wurde Deutsche Meisterin über 200 Meter Rücken, Vize-Meisterin über 200 Meter Freistil, sie durfte zur WM nach Montreal. Aber die Angst ging nicht weg, sie wurde bloß kleiner.

In Montreal hatte Annika Liebs 800 Euro Telefonkosten für Gespräche mit ihrem Freund. „50 Prozent der Zeit habe ich benötigt, um ihre Ängste einzudämmen“, sagt Lurz. Vor dem Start der 4-x-100-Meter-Freistil-Staffel wäre Annika Liebs fast in die Knie gegangen. „Neben mir standen doch die Stars aus den USA und Australien.“ Aber sie war stark genug, um mit der Staffel Silber zu gewinnen. Doch selbst nach diesem Erfolg spürte sie Unbehagen. „Ich war froh, dass ich auf dem Siegespodest nicht die einzige Deutsche war. Es war ein komisches Gefühl.“

Wann seine Freundin angstfrei starten wird, weiß Lurz nicht. Aber er hat klare Vorstellungen davon, was sie im Sommer trotz ihrer Ängste auf der 50-Meter-Bahn erreichen kann. „Eine Zeit von 1:57 Minuten.“ Annika Liebs’ Bestzeit steht bei 1:59,99 Minuten.

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