Sport : Angst vorm Fliegen

Der Kombinierer Marko Baake traut sich nicht mehr von der Schanze

Benedikt Voigt

Berlin - Gegenwärtig fühlt sich Marko Baake ein wenig einsam in der Kaserne in Oberhof. „Zurzeit sind alle unterwegs“, sagt der 24-Jährige, „in Finnland, Norwegen oder den Alpen.“ Der Sportsoldat Marko Baake aber blieb mit ein paar jüngeren Kameraden aus der Sportfördergruppe zurück. „Es ist schon ein ziemlich komisches Gefühl“, sagt er. „In den letzten fünf, sechs Jahren war ich zu dieser Zeit nie zu Hause.“ Andererseits ist da noch ein weiteres Gefühl: „Ich fühle mich richtig befreit.“

Vor zweieinhalb Monaten hat Marko Baake das Ende seiner Karriere als Nordischer Kombinierer bekannt gegeben. Es war kein leichter Schritt, eigentlich befindet sich der Sprint-Weltmeister aus dem Jahr 2001 im besten Alter für seine Sportart, dieser Kombination aus Langlauf und Skispringen. Als er seinen Entschluss auf einer Pressekonferenz bekannt gab, brach er in Tränen aus. „Ronny Ackermann und Sebastian Haseney saßen neben mir und haben erzählt, wie es bei ihnen weitergeht“, erinnert sich Baake, „und ich musste sagen, dass ich es nicht mehr schaffe.“ Er wird fehlen, wenn für alle anderen die Saison 2004/2005 am kommenden Samstag in Kuusamo startet.

„Ich war an dieser Entscheidung maßgeblich beteiligt“, sagt sein Heimtrainer Siegfried Sturm, „ich konnte nicht mehr mitansehen, wie er sich psychisch gequält hat.“ Marko Baake kann nicht mehr von großen Schanzen springen, seine Angst ist zu groß. Eigentlich hatte es so ausgesehen, als hätte er seinen dramatischen Trainingssturz vom November 2001 überwunden. Damals ging es um Leben und Tod, in einer Notoperation mussten die Milz und eine Niere entfernt werden. Körperlich erholte er sich schnell, schon in der folgenden Saison schloss er wieder zur Weltspitze auf. „Irgendwann aber hat es psychisch nicht mehr geklappt“, sagt Baake, „es ist immer schlimmer geworden mit den Gedanken an den Sturz.“ Offenbar hatte er seinen Sturz nur verdrängt. Aber nie überwunden.

Erstmals zeigte sich das vor einem Jahr in Lahti, wo er auf der großen Schanze bei starkem Wind sprang. Nach der Landung stieg Angst in ihm auf. „Mir ist heiß geworden und ich habe angefangen zu zittern“, sagt Baake. „Der Sprung war gut, aber von dem Wind in der Luft so behandelt zu werden, das möchte ich nicht mehr erleben.“ Danach trainierte er in Lahti nur noch auf der kleinen Schanze. Und seine Angst vor großen Schanzen begann.

Seit seinem Sturz hat er mit einem Psychologen zusammengearbeitet. Dieser fand heraus, dass er keine normale Angst habe. „Das war Existenzangst“, berichtet Baake. Diese Angst verschwindet nicht, indem man sich an sie herantastet. „Das geht nur mit Konfrontation, das heißt: Auf einer großen Schanze mit viel Wind springen“, sagt Baake. „Wenn ich das geschafft hätte, hätte es klappen können.“

Er schaffte es nicht. Er schaffte es noch nicht einmal, im Sommer bei guten Bedingungen von der großen Schanze am Rennsteig in Oberhof zu springen. Drei-, viermal kletterte er mit Siegfried Sturm hinauf. „Ich stand wie ein Tourist oben und wusste im Unterbewusstsein, dass ich wahrscheinlich nicht springen werde“, sagt Baake, „normalerweise stellt man sich im Kopf den Sprungablauf vor, aber das hat bei mir überhaupt nicht funktioniert.“ Es folgte stets der peinlichste Moment: Er musste die Treppen der Schanze wieder hinabsteigen.

„Das war das Schlimmste“, sagt Baake, „der Augenblick, am Trainer vorbeizugehen und zu sagen, dass es nicht geht.“ Weil er gleichzeitig wusste, dass das auch das Ende für seine Karriere bedeutet. Die Wettbewerbe im Weltcup finden nur auf großen Schanzen statt. Auch für Siegfried Sturm war der Anblick eines Springers, der nicht springen kann, unangenehm. „Er hat sich gequält“, sagt der Trainer, „ich habe mich gefragt, ob man ihm das noch antun muss.“

Dabei sind seine Leistungen auf der kleinen K90-Schanze gut gewesen. „Bei jedem Training haben wir gesagt, pass auf, wenn du dich gut fühlst, gehen wir sofort rüber auf die große Schanze“, berichtet Sturm. Doch Baake konnte es nicht. Schlimmer noch, wenn der Trainingsplan den Wechsel auf die große Schanze vorsah, schlief er in der Nacht zuvor sehr schlecht. „Als ich ins Bett gegangen bin, setzte die Angst ein“, sagt Baake. „Ich wusste nicht, ob ich am anderen Tag wieder nach Hause komme, weil ich immer daran gedacht habe, dass etwas passieren könnte.“

Nun kann er wieder ruhig schlafen. „Meine Mutter war nach der Entscheidung erleichtert“, berichtet Baake. Siegfried Sturm sagt: „Er lebt wieder auf, er ist wieder der, der er immer war.“ Gegenwärtig trainiert Baake für sich selber, die Fußballer des TSV Zella-Mehlis will er in der Kreisklasse verstärken. Bis 2005 läuft seine Anstellung bei der Sportförderkompanie, danach möchte er als Trainer seinem Sport die Treue halten. Dann muss er zwar wieder auf Schanzen steigen. „Aber das ist nicht das Problem“, sagt Baake. Er muss ja nicht mehr hinunterspringen.

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