Sport : Angst vorm Normalsein

Sascha Varnhold

Im vergangenen Sommer war in Babelsberg viel von alten Tugenden die Rede. Zusammenhalt, gegenseitiger Respekt und Fairness im Umgang miteinander - irgendwie musste er ja zu erklären sein, dieser völlig überraschende Aufstieg der Fußballer von Babelsberg 03 in die Zweite Bundesliga. Das ist gerade ein halbes Jahr her und scheint doch unendlich weit weg. Die jetzige sportliche Misere der Potsdamer offenbart, wie brüchig diese heile Welt von Babelsberg war.

Nach der 1:5-Niederlage gegen die SpVgg Greuther Fürth fragte ein Besucher der Pressekonferenz verwundert in die Runde, wer dieser Herr sei, der die Pressekonferenz mit einem so süffisanten Sarkasmus leite. Dieser hatte die Anwesenden mit den Worten "Das war wohl nichts mit dem psychologischen Pusch durch die Beurlaubung von Trainer Hermann Andreew" um eine Stellungnahme gebeten. Erstaunt vernahm der Besucher den Namen: Präsident Detlef Kaminski war der Mann, der sich ob der Situation mit unverhohlenem Spott Luft verschaffte.

Kaminski ließ auch im Anschluss keinen Zweifel daran, dass zwischen ihm und einigen Mitgliedern des Aufsichtsrates einiges im Argen liegt. "Noch einmal wird mich der Aufsichtsrat nicht bloßstellen", sagte Kaminski, und er wirkte sichtlich angeschlagen. "Einige Leute werde ich daran erinnern, was ihre Aufgabe ist und was sie nichts angeht. Vielleicht muss eine außerordentliche Mitgliederversammlung her. Man hat heute im Spiel gegen Fürth gesehen, dass es falsch war, Andreew zu beurlauben. Wer in diesem Klub Verantwortung übernimmt, der muss masochistisch veranlagt sein."

Mit seiner Meinung über Andreew kann sich Kaminski zumindest der Unterstützung der Fans sicher sein. Diese feierten über 90 Minuten den früheren Trainer mit Sprechchören, und einige hatten über Nacht Andreews Namen mit weißer Farbe überdimensional auf den Rasen gepinselt. Der DFB verlangte ein sofortiges Entfernen der Farbe, aber die erwies sich als hartnäckig. Symbolischer ging es nicht mehr: Hermann Andreew spukte in den Köpfen, Herzen und Augen aller Beteiligten herum.

Als schon niemand mehr auf das Spiel achtete, begann ein Fan auf der Tribüne zu philosophieren: "Bisher war Babelsberg irgendwie was Besonderes. Eine Elf und ein Trainer, die zusammenhalten, steigen auf und Vorstand und Fans sind bereit, mit der Mannschaft ein schweres Jahr durchzustehen und im schlimmsten Fall auch den Abstieg zu verzeihen. Jetzt läuft alles so ab, wie bei einem x-beliebigen Normalo-Klub." Abgehalfterte Spieler werden verpflichtet, und der Trainer, der das Team in die Zweite Liga führte, werde entlassen. "Erfolglosigkeit könnten wir verkraften, aber dieses Normalsein ist für uns Babelsberger Fans unerträglich."

Ein Transparent fasste diese Meinung in Revolutions-Rhetorik knapp zusammen: "Viva Hermann!".

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