Sport : Ankunft im Alltag

Handballer Stephan spielt nach langer Verletzungsserie wieder

Erik Eggers

Riesa. Es ist eine brutale Szene, sie kündet vom Schlimmsten in der Karriere eines Leistungssportlers. Sie handelt von Daniel Stephan, dem Welthandballer des Jahres 1998. Es ist ein Moment im Ligaspiel gegen den THW Kiel, die Menge wogt, die Menge jubelt. Der Hochbegabte im linken Rückraum des TBV Lemgo kontrolliert den Ball und zieht hinein in die Deckung des Gegners. Doch plötzlich sinkt Stephan zu Boden. Und die Halle, die eben noch tobte, steht still. Jeder weiß, dort unten auf dem Spielfeld ereignet sich erneut ein Drama. Riss der Achillessehne, so wird später die Diagnose lauten.

„Blödes Thema“, sagt Stephan, „am liebsten will ich nicht darüber sprechen.“ Lieber über Erfolge wie den 30:28-Sieg nach Siebenmeterschießen gegen Kroatien im Halbfinale des Supercups in Riesa zu dem Stephan vier Treffer beigesteuert hat. Es ist die gelungene Revanche der deutschen Mannschaft für das im Februar verlorene Endspiel der Weltmeisterschaft. Im heutigen Finale treffen die Deutschen auf Spanien (15.15 Uhr/ARD), das gegen Europameister Schweden im zweiten Halbfinale 29:27 gewann. Es wird Stephans 150. Länderspiel.

Beim Supercup ist Stephan oft umringt von vielen jungen Mädchen, die ihn um ein Autogramm bitten. Das ist der Alltag, den Stephan sich so sehr zurückgewünscht hat. Er will nicht mehr die Weltmeisterschaften zu Hause vor dem Fernseher verfolgen. Er will das Unglück hinter sich lassen.

Der Fluch begann schon 1995 bei der WM auf Island. Der in Rheinhausen geborene Stephan wurde dort, obwohl sein Talent erkennbar war, vom damaligen Bundestrainer Arno Ehret kaum eingesetzt. 1997 scheiterte Deutschland in der WM-Qualifikation, Stephan galt als Sündenbock, „der ist nur ein Vereinsspieler“, behauptete der Trainer. Danach aber wurde Heiner Brand Bundestrainer – und alles schien gut zu werden. Doch dann brach dem gerade zum Welthandballer gekürten Stephan in der Vorbereitung auf die WM 1999 der Mittelhandknochen, es war der Beginn eines Leidenswegs. Ein Jahr später musste er sich die Hand korrigieren lassen, weil, „der Daumen nicht so stand, wie er stehen sollte“. Bei Olympia 2000 schied Stephan nach einer Bänderdehnung im linken Sprunggelenk aus. Ein Jahr später verzichtete er auf die WM in Frankreich, diesmal wegen einer Knochenabsplitterung am Daumengelenk der rechten Hand.

Schon da reagierte Stephan trotzig auf alle, die ihm ein vorzeitiges Karriereende prophezeiten: „In den ersten sechs Jahren habe ich nicht ein einziges Bundesligaspiel verpasst.“ Als er endlich wieder fit war, meldete sich die Achillessehne: Schwer gereizt, dann wieder weniger, aber zwei Wochen vor der WM 2003 musste er erneut auf ein Großereignis verzichten. Der Riss der Achillessehne im Februar 2003 beim Bundesligaspiel gegen Kiel war dann der vorläufige Tiefpunkt. Nun aber ist er wieder präsent. Stephan selbst bittet darum, „meine Leistung in diesem Turnier differenziert zu betrachten“ – was eigentlich überflüssig ist, weil alle, Trainer, Kollegen und Medien, sich in Geduld üben. Alle warten ab, was passiert in dieser Spielzeit. Nachdenken darüber will Stephan nicht. Irgendwie ist das verständlich.

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