Sport : Ankunft in Rathenow

Mario Delvalle ist ein Fußball-Migrant – wie er werden viele durch Europa geschoben

Verena Friederike Hasel[Rathenow]

In der Welt des Fußballs haben Genies eine feste Marschroute, sie kommen aus Süden und gehen nach Norden, und so erschien es Mario Delvalle aus Paraguay wie ein gutes Zeichen, als ihn ein deutscher Spielervermittler anrief. „Ich will gern was mit dir machen“, meinte der und sagte außerdem die goldenen Worte „Europa“ und „Probetraining“. Mario Delvalle stieg ins Flugzeug. „Ich war ein dummer Junge“, sagt er heute, knapp vier Jahre später. „So etwas würde mir heute nicht mehr passieren. Ich bin erwachsen geworden.“ Das heißt vor allem: Nicht mehr vom großen europäischen Fußball träumen, sondern beim FSV Optik Rathenow spielen.

Heute tritt der Oberligist gegen Neustrelitz an und hofft auf den Aufstieg in die Regionalliga. Aber darum geht es in dieser Geschichte nicht. Es geht um Sportmigranten wie Mario Delvalle, 24 Jahre alt. Von ihnen gibt es etliche in Deutschland.

Nach dem „brain drain“, der Abwanderung der Klugen aus Entwicklungsländern, sprechen Soziologen nun von einem „muscle drain“ in die Industriestaaten. Einige haben Erfolg; 2005 lag der Anteil ausländischer Spieler in den großen Ligen fünf europäischer Länder bei 30 bis 46 Prozent. Wie viele wie Delvalle ohne Geld und ohne Vertrag in einer Amateurliga spielen, dazu gibt es keine Zahlen.

Mit Fußball fing Mario Delvalle an, da war er noch ganz klein. Mit elf Jahren kam er in einen Verein – montags, mittwochs, freitags war Training. Nach der Schule fing er an Jura zu studieren, vielleicht auch weil er mitbekam, wie der Vater seinen Handwerksbetrieb verlor. Als Jurist habe man immer etwas zu tun in Paraguay, sagt Delvalle, so korrupt wie das Land sei. Doch der Fußball kam ihm dazwischen, mit einem Angebot vom brasilianischen Verein FC Victoria, damals in der Ersten Liga. Ein halbes Jahr spielte er in ihrer U-20-Mannschaft, dann kam der Anruf aus Deutschland. Und Delvalle stieg am Geburtstag seiner Mutter ins Flugzeug, in seinem Gepäck fast nur Fußballsachen. Er wurde im Mai 2004 in Berlin-Tegel vom Spielervermittler empfangen, unterschrieb einen Vertrag auf Deutsch, den er nicht verstand und von dem er nie ein Exemplar bekam.

Mario Delvalle ist groß und bewegt sich geschmeidig, seine Bewegungen sitzen, auf dem Platz genauso wie im Leben. Wo andere in seinem Alter, auch seine Mitspieler, ungestüm herumlärmen, wirkt Delvalle kontrolliert. Er sei ein ruhiger Typ, sagt er, früher war er einmal Stürmer, nun ist er ein Verteidiger – eine Position, die besser zu ihm passt. „Der Stürmer muss immer aufgeregt sein“, sagt Delvalle. „Der Verteidiger hat alles im Blick und bringt die Ruhe rein.“ Warum er dennoch einem Mann vertraute, den er noch nie gesehen hatte, erklärt sich mit dem Tellerwäschertraum von Paraguay: von der hügeligen Bolzwiese auf den Kunstrasenplatz. Delvalle sagt, egal wie klein ein Rasenstück sei, überall in seinem Land sehe man Jungen, die Wurzeln entfernten, Gras schnitten – um Fußball zu spielen. Es ist der billigste Sport, weil es nichts anderes braucht als einen Ball; und es ist der Sport, der das meiste Geld verheißt. Roque Santa Cruz hat es vorgemacht, 1999 kaufte ihn Bayern München für zehn Millionen Mark ein.

Bayern München, das war auch Delvalles Vorstellung vom deutschen Fußball, die Wirklichkeit fand dann in Slowenien statt. Dorthin wurde Delvalle von seinem Spielervermittler verschickt, um sich zu beweisen, sagte man ihm. Wieder eine fremde Sprache, eine Wohnung, die er sich mit drei anderen teilte, wieder spielen ohne Vertrag. Im Dezember durfte er nach Berlin zurück, der Spielervermittler hatte ein Hotel organisiert, war aber nicht zu erreichen. Und so saß Delvalle an Weihnachten und Silvester im Hotel, ging jeden Tag allein laufen und trainieren, und wenn er mit seinen Eltern telefonierte, versicherte er ihnen, dass alles in Ordnung sei. „Schließlich war mein Vater stolz, dass ich in Europa bin“, sagt er.

Einmal schien es, als würde sich der Traum doch erfüllen. Im Januar 2005, der Spielervermittler war immer noch verschwunden, übernahm ein anderer, ein Bekannter des ersten, seine Sache und brachte Mario Delvalle zum polnischen Erstligisten Pogon Stettin. Delvalle fuhr mit ins Trainingslager, wurde in der Vereinszeitung schon als der Neue gehandelt. 2000 Euro hätte er monatlich bekommen und einen Vertrag. Doch der neue selbsternannte Spielervermittler funkte dazwischen, er forderte für sich eine Summe, die der Verein nicht zahlen wollte, und befahl Delvalle zurück nach Berlin.

Vor knapp einem Jahr reiste Mario Delvalle zum Spielercasting des FC Gütersloh. Noch eine vergebliche Hoffnung: Auch da nur Spaßkicker, die sich mit einem Taschengeld zufriedengeben. Delvalle kehrte nach Rathenow zurück. Damals wirkte er angespannt.

Die Namen seiner Spielervermittler will Mario Delvalle nicht in der Zeitung lesen, er fürchtet sich vor weiterem Ärger. Für ein Gespräch waren sie nicht zu erreichen. In Fußballkreisen ist der eine von ihnen als Betrüger bekannt, er sei spezialisiert auf Paraguay und einige afrikanische Staaten. Bereit, die Jungen aufzubauen sei er nicht; mache er mit ihnen nicht sofort Geld, heißt es, lasse er sie fallen.

Mario Delvalle ist aufgestanden, alleine. Nach dem geplatzten Deal in Polen hat er sich losgesagt. „Ich bin erwachsen geworden“, sagt er wieder und sitzt sehr aufrecht dabei. In Rathenow arbeitet er in einem Sportgeschäft, er hat geheiratet, und wenn seine Frau anruft, dann geht er raus und kommt mit einem Lächeln zurück. Wie es weitergeht, weiß er noch nicht. Sein Trainer jetzt, der meint es endlich gut mit ihm, er rät ihm zu studieren. Fußball sei nur etwas für nebenbei.

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