Annette Dytrt : Clown statt Meisterin

Die Eiskunstläuferin Annette Dytrt gab alles: sie trainierte hart, speckte zehn Kilo ab und beherrschte das Kurzprogramm bei den deutschen Meisterschaften in Dresden. Doch ein Sturz kostete sie den sicher geglaubten Titel.

Frank Bachner[Dresden]
Annette Dytrt
Grazil: Die Oberstdorferin Annette Dytrt. -Foto: dpa

Verena Kehrt, die schillernde Freundin von Oliver Kahn, hatte sich auch noch gemeldet, Minuten vor dem Kurzprogramm. „Ich drücke Dir die Daumen“, schickte sie als SMS-Botschaft an Annette Dytrt. Die fand das „reizend“. Geholfen hat es nicht. Annette Dytrt beherrschte das Kurzprogramm bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften, mit fünf Punkten Vorsprung ging sie nach dem Kurzprogramm in die Kür. Doch da vergab die 24-Jährige gestern ihren fünften Meistertitel sensationell mit einem Sturz, wurde nur Dritte und weinte danach bitterlich. Deutsche Meisterin wurde die Mannheimerin Sarah Hecken vor Isabel Drescher.

Dytrt und Kehrt kennen sich von „Stars on ice“, der Eislauf-Show von Pro 7; bei der Staffel 2006 spielten sie mit. Kehrt ist zwar bloß D-Prominente, aber sie erhielt zumindest Anerkennung für ihre Bemühungen. Annette Dytrt, der Profi, die viermalige Deutsche Meisterin, erhielt die Häme von den Experten. Sie war pausbäckig, sie hatte zehn Kilogramm Übergewicht, der Pro-Sieben-Auftritt stand als weitere Station ihres sportlichen Niedergangs. Vier nationale Titel? Geschenkt. Die Funktionäre der Deutschen Eislauf-Union (DEU) sahen vor allem Platz elf bei der EM 2005, Platz 24 bei der WM 2006 und eine Frau, die es gerne bequem hatte. „Sie arbeitet nicht so hart, wie sie das selber empfindet“, sagte DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf. Und Shanetta Folle, ihre Trainerin in München, höhnte: „Annette hat Kakerlaken im Kopf“, bevor es Ende 2005 zur Trennung kam. Dytrt versuchte sich vergeblich als Paarläuferin, ließ sich von Pro 7 anheuern, und sagte dann ihre Teilnahme an den deutschen Meisterschaften 2007 ab. Sie hatte Angst sich zu blamieren. „Ich war in einem tiefen Loch“, sagt sie.

Karel Fajfr schien sie vor den Meisterschaften in Dresden wieder rausgezogen zu haben. Fajfr, der harte Trainer, der vor Jahren wegen sexuellen Missbrauchs von Läuferinnen zu zwei Jahren Haft verurteilt worden war. „Herr Fajfr schubst mich, ich brauche das“, sagt Dytrt nach dem Kurzprogramm. Sie trägt noch ihr Wettkampfkostüm, ihre blonden Haare werden von einem goldenen Band gehalten. Neben ihr steht Fajfr und sagt: „Ich bin beeindruckt, wie zäh sie ist.“

Offenbar benötigte Annette Dytrt, die Frau, die nur von ihrem Talent lebte, so jemanden wie ihn. Einen Mann, bei dem sie doppelt so oft Sprünge üben muss wie bei Folle. Im Dezember 2006 wechselte sie nach Oberstdorf zu dem umstrittenen Coach, jetzt sagt sie: „Ich hätte viel früher zu ihm gehen müssen.“ Seine Vergangenheit? Kein Kommentar. Sie speckte zehn Kilogramm ab, eine Grundbedingung von Fajfr. Aber die deutschen Meisterschaften im Januar 2007 hätten für sie als Debakel geendet, das sah auch er ein. „Ich will nicht wie ein Clown wirken“, sagte Dytrt damals.

In Dresden wirkt sie immerhin austrainiert, körperlich fit. „Ich habe mich radikal geändert“, sagt Dytrt. „Früher habe ich alles zu leicht genommen.“ Jetzt redet sie, als wären weitere sportliche Stationen reine Formsachen. WM 2009? Klar, will sie dabei sein. Olympische Spiele 2010? Unbedingt. Schließlich arbeitet sie den Trainingsplan von Fajfr nahezu klaglos ab. „Sie trainiert auch noch um 22 Uhr ohne Murren“, sagt Fajfr.

Mag sein, aber bei Dytrt muss man vorsichtig sein. Sie hatte schon oft erklärt, dass sie sich geändert habe. Irgendwann hakte man das bei ihr als Spruch ab. Annette Dytrt neigt dazu, sich ihre Welt schönzureden. Die nächste Frage ist auch: Wie finanziert sie ihre zukünftige Laufbahn? Die Bundeswehr hat sie Ende 2007 verlassen, sie lebt derzeit von ihrem Erspartem und ihren Eltern. Fajfr möchte derzeit, dass sie sich ganz auf den Sport konzentriert. Und in Zukunft? Da lehnt er seinen Oberkörper zurück, breitet die Armen aus und sagt: „Irgendwie werden wir das schon schaffen.“ Annette Dytrt hat sowieso ganz andere Sorgen, als wäre sonst alles gut geregelt und endgültig aufgearbeitet. „Ich muss den dreifachen Axel beherrschen. Die Konkurrenz schläft nicht.“ Die Konkurrenz holt auch Titel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar