Sport : Annika Mehldorn: Wenn das Umfeld versagt

Frank Bachner

Ihr Gymnasium, sagt Annika Mehlhorn, halb jammernd, halb anklagend, sei die Schule mit der härtesten Notengebung. "Im ganzen Landkreis gibt es keine härtere." Das Georg-Christoph-Lichtenberg-Gymnasium in Baunatal ist also eine anspruchsvolle Schule. Als ob das wirklich das Problem wäre. Nüchtern betrachtet, lautet das Problem so: Annika Mehlhorn, 17, steht kurz vor dem Rausschmiss aus der Schule. Wenn sich nicht ganz schnell etwas bessert, bleibt sie in der zehnten Klasse sitzen. Zum zweiten Mal schon, und das bedeutet zwangsläufig den Schulabgang. Nicht mal den Realschulabschluss hätte sie dann. Dafür hat sie die Qualifikation zur Schwimm-Weltmeisterschaft in Japan und den Deutschen Meistertitel über 200 m Schmetterling. Sie schwamm 2:09,14 Minuten , Platz zwei der Weltrangliste, und Annika Mehlhorn sagt: "Ich bin glücklich, dass ich meine WM-Premiere feiern darf." Nur bezahlt sie dafür wahrscheinlich mit ihrem Rausschmiss aus dem Gymnasium.

Die bekannte Geschichte also, vom Stress eines Athleten, dem der Sport keine problemlose Ausbildung erlaubt? Im Fall Mehlhorn ist es mehr. Bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften starten rund 100 Gymnasistinnen, und keine von ihnen steht kurz vor dem Rausschmiss. Annika Mehlhorn ist ein Sonderfall, weil sie sagt "die Schule geht für mich nicht vor". Manchmal hört sie von Schwimmerinnen, "die ihr Training wegen des Abiturs zurückstellen". Da schüttelt es sie. "So eine Einstellung habe ich nicht." Sie sagt, sie brauche den Sport. Die Schule ist zweitrangig. Die zehnte Klasse wiederholte sie nur deswegen freiwillig, weil sie dadurch im letzten Jahr mehr Zeit für die Olympiavorbereitung hatte. Dafür wollte sie sich dann 2001 stärker auf die Schule konzentrieren. Aber Sydney 2000 verpasste sie wegen einer Krankheit, also, sagt sie, muss ich mich jetzt mit der WM-Qualifikation trösten. Sie hat nur im Schwimmen Freundinnen, sie hört nur im Sport echte Anerkennung. Deshalb trainiert sie so intensiv.

Wegen der Noten erhält sie Nachhilfe. Aber Nachhilfe ist nur ein Hilfs-, kein Wundermittel. Die Noten wurden nicht schlagartig besser, und jetzt fragt sich Annika Mehlhorn achselzuckend, "ob die Nachhilfe überhaupt was bringt". Nächste Woche hat sie Arbeiten, extrem wichtige Arbeiten in ihrer Situation. "Aber richtig reinhängen", sagt sie, "werde ich mich nicht. Meine wenige Freizeit opfere ich nicht fürs Lernen."

Und weil sie schon lange so denkt, hätten eigentlich andere eingreifen müssen. Menschen mit Fürsorgepflicht. Die Mutter, der Vater, der Trainer, der Verein. Die Mutter, geschieden, redete oft auf die Tochter ein, aber sie verlangte nie vom Trainer, der solle ihr Trainingszeit erlassen. Und der Trainer, Thomas Rother, sagt, er habe noch nie wegen der Probleme eine Trainingseinheit gestrichen. "Wir versuchen das über die Nachhilfe." Auch vor Klassenarbeiten keine Trainingsunterbrechung? "Dazu muss ich wissen, dass sie eine hat." Aber man kann doch nachfragen, gerade in so einem Fall. "Ich kann mich doch nicht um jeden Sportler so kümmern." Aber nicht jeder Sportler steht vor dem Rauswurf von der Schule. Es ist ein sinnloser Dialog. Man erreicht den Trainer nicht. Rother schaut nur krampfhaft auf seine Stoppuhr.

Und letztlich weiß natürlich auch Annika Mehlhorn, wie ernst die Lage wirklich ist. Man muss ihr nur genau zuhören. Oder anders gesagt: Man müsste sie nur stärker anstoßen, zwingen vielleicht. Zumindest eine kurzzeitige Bereitschaft, sich voll reinzuhängen in die Schule, signalisiert sie ja. Irgendwann im Gespräch bricht es aus ihr heraus. Zwei Sätze, halb Jammern, halb Selbstanklage: "Ich kann doch später vom Sport nicht leben. Ich brauche doch diesen Schulabschluss."

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