Sport : Anpfiff zum Aufbruch

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Von Michael Rosentritt

Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass Mitte August wieder ein Länderspiel stattfinden soll.“ Rudi Völler sagte das Minuten nach dem WM-Finale. So aber wird es sein. Der Abpfiff von Yokohama ist der Anpfiff zum Aufbruch. Am 21. August spielt der Vizeweltmeister in Sofia gegen Bulgarien. Am 7. September beginnt für Völlers Team die Qualifikation für die Europameisterschaft 2004 in Portugal. In Kaunas trifft Deutschland auf Litauen. Es folgen in diesem Jahr noch ein Freundschaftsspiel in Sarajevo gegen Bosnien-Herzegowina (11. Oktober) sowie das EM–Qualifikationsspiel gegen die Färöer (16. Oktober) in Hannover.

Für die EM in zwei Jahren lässt sich auf dem Asien-Kader aufbauen. Einen radikalen Schnitt werde es nicht geben, hat Völler angedeutet. Veränderungen gibt es dennoch. Oliver Bierhoff und Marco Bode haben mit dem WM-Endspiel ihre Länderspielkarriere beendet, Christian Ziege überlegt noch. Mehmet Scholl hatte schon vor der WM seinen Rücktritt bekannt gegeben. Und: Brauchen wir Spieler wie Jörg Heinrich oder Christian Wörns noch, die nicht mit zur WM wollen? Eher nicht. Was wird mit Sebastian Deisler nach den vielen Verletzungen? Wann kommt Jens Nowotny wieder? Was ist mit Alexander Zickler, der, solange er fit war, unter Völler zum Stamm zählte. Es haben sich andere Spieler bei der WM in den Vordergrund gespielt. Christoph Metzelder, Sebastian Kehl, Torsten Frings, Michael Ballack und Miroslav Klose kommen allein vom Alter her auch noch für das große Ziel, die WM 2006, infrage. Aus dem erweiterten Kreis der Nationalmannschaft könnten Christian Rahn (HSV) und Daniel Bierofka (Leverkusen) den Sprung in die erste Reihe vollziehen, die kurz vor der WM ihre Debüts in Völlers Mannschaft gaben.

Die Tränen sind getrocknet, die silbergrauen Haare frisch gelockt. Rudi Völler wird gestern auf dem Flug von Tokio nach Frankfurt ein wenig das Gefühl für Zeit und Raum verloren haben. Wie weit liegt jener Sonntag im Juli 2000 zurück, als er in der Früh Haus und Hof als Sportdirektor von Bayer Leverkusen verlassen hatte und abends als Teamchef der deutschen Fußballnationalmannschaft zu seiner Frau zurückgekehrt war? Trainer wollte er nie werden, plötzlich war er der wichtigste Trainer im Land. Der ahnungslose Erich Ribbeck war abgetreten, der vom DFB als dessen Nachfolger ausgeguckte Christoph Daum hatte eine Freigabe für diesen Posten erst für 2001 erhalten. Völler war quasi eine Brückenlösung. Eine, die sich als Publikumserfolg entpuppte. Nur einmal, im vorigen Herbst, als das Team in der WM-Qualifikation gestolpert war und vor den K.-o.-Spielen gegen die Ukraine stand, äußerte Völler Zweifel. „Wenn wir nicht zur WM 2002 fahren, ist die Hypothek für mich zu groß“, sagte er damals. Es kam anders. Völler unterschrieb beim DFB bis 2006. Seine Mission ist aber noch nicht erfüllt. Deutschland ist Gastgeber der nächsten WM, dann soll Deutschland den Titel holen.

Im März des Jahres wurde das „Team 2006“ aus der Taufe gehoben. Mit dieser Mannschaft soll der Nachwuchs effizienter herangeführt werden. „Die Bildung und Förderung eines solchen Zukunftsteams für die WM 2006 ist für mich eine der wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren“, hatte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder vor der WM erklärt. Uli Stielike, der ehemalige Profi von Borussia Mönchengladbach und Real Madrid, ist Cheftrainer dieses Teams, das jetzt installiert wird und deutschen Talenten jahrgangsübergreifend internationale Spielpraxis vermitteln soll. Für Stielike liegt das Nachwuchs-Problem woanders. „Die Liga lässt ihr Kind verhungern. Die Nachwuchsarbeit des DFB ist gut, das zeigen auch die Ergebnisse. Nur, wenn die Jungs aus dem Nachwuchsalter herauskommen, spielen sie nicht bei den Klubs in der ersten und zweiten Liga“, sagt der DFB-Trainer. Der Schwerpunkt des Teams 2006 liegt auf internationalen Vergleichen. Rund 50 Millionen Euro stellt der DFB für den Nachwuchs bis 2006 bereit. „Ich kann nicht garantieren, dass wir dadurch Weltmeister werden. Aber niemand soll uns vorwerfen können, wir hätten nicht alles versucht“, sagt Mayer-Vorfelder. „Unsere Trainer sollen diese Mannschaft bilden und bis 2006 zur vollen Blüte bringen.“

Der Vertrag von Stielike läuft ebenfalls bis ins WM-Jahr 2006. Sein Assistent wird Horst Hrubesch werden, der bisher die aufgelöste A 2-Nationalmannschaft betreute. Hrubeschs Vertrag läuft bis zum 30. Juni 2003. Der Dortmunder Jürgen Kohler, der lange als Kandidat für den Chefposten galt, wird die U 21-Nationalmannschaft als Nachfolger von Hannes Löhr betreuen. Der Weltmeister von 1990, der vor wenigen Wochen seine aktive Laufbahn beendete, erhielt vom DFB einen bis zum 30. Juni 2007 datierten Fünfjahresvertrag. Damit steht fest, dass es weiterhin eine U 21-Nationalmannschaft geben wird. Einige Talente könnten sowohl in der U 21 als auch im Team 2006 auftauchen. Stielike wird sich zudem um die U 19 kümmern.

Für das Team 2006 wurden in Abstimmung mit den Bundesligavereinen für die Saison 2002/03 sechs Termine festgelegt. Gesucht werden derzeit vier bis fünf Gegner, die dann über zwei Jahre an einem fest vereinbarten Spielbetrieb teilnehmen sollen. Spanien, Frankreich, die Niederlande, Italien, England und Portugal gelten als mögliche Teilnehmer.

In dem neuen Auswahlteam sollen Spieler zum Einsatz kommen, die der U 21 entwachsen sind, im Team von Rudi Völler allerdings noch nicht Fuß fassen können. Als Kandidaten werden zum Beispiel die Bremer Fabian Ernst und Tim Borowski, die Stuttgarter Timo Hildebrand und Christian Tiffert, die Bochumer Paul Freier und Sebastian Schindzielorz sowie Roman Weidenfeller von Borussia Dortmund genannt. „Wir wollen die Tür offen lassen“, sagt Stielike. Natürlich werden nicht alle Spieler bei der WM 2006 im Kader von Völler stehen. Junge Nationalspieler wie Kehl oder Metzelder werden nicht in diesem Perspektiv-Team mitwirken, sondern spielen weiterhin im Völler-Team.

„Es sind wichtige Dinge auf den Weg gebracht worden. Rudi Völler hat die ganze Sache stabilisiert“, sagte gestern Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern, „wir werden auch 2006 eine schlagkräftige Mannschaft aufbieten.“ Eine, die nicht als Außenseiter, sondern als Favorit ins Turnier geht.

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