Sport : Anschub aus Oberschöneweide

Die Sportgeräte des FES sollen deutschen Athleten in Turin zu Medaillen verhelfen

Friedhard Teuffel

Berlin - Es gibt tatsächlich eine Medaillenschmiede des deutschen Sports. Eine, in der Geräte zusammengeschweißt werden und Stahl geschliffen wird. Sie befindet sich im Berliner Stadtteil Oberschöneweide, wo schon Ende des 19. Jahrhunderts die Industrie florierte, allen voran die Elektro- und Metallindustrie sowie der Maschinenbau. Hier werden viele Betriebsgeheimnisse gehütet, denn das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) hat wieder einiges vorbereitet, damit die deutschen Athleten bei den Olympischen Spielen einen technischen Vorsprung haben. Für diese Geheimnisse sucht das FES Schutz in der Unauffälligkeit eines weißen Gebäudes unweit des Spreeufers, nicht eingezäunt von Stacheldraht, nicht geschmückt mit Fahnen, dafür eingerahmt von gewöhnlichen mittelständischen Betrieben.

In Harald Schaales Arbeitszimmer im dritten Stock des Gebäudes liegen ein paar dieser Betriebsgeheimnisse: Schlittschuhkufen fürs Eisschnelllaufen. Schaale ist Direktor des FES, und die Eisschnellläufer sind zusammen mit den Rodlern, Bob- und Skeletonfahrern seine Kunden in dieser olympischen Wintersaison. Für sie haben Schaale und seine 52 Kollegen Geräte entwickelt und Messtechnik konstruiert, um bessere Trainingsleistungen zu erzielen. In Turin werden Schaale und zwei andere Projektleiter sogar als Ansprechpartner vor Ort sein.

Den Eisschnellläufern wollten es die Techniker des FES diesmal noch etwas leichter machen. Sie haben den Klapphebel des Schuhs neu konstruiert. „Wir haben etwa 20 Gramm rausgeholt“, sagt Schaale. Außerdem haben sie die Kufen mit einer neuen Legierung versehen. „Das verringert die Reibung auf dem Eis“, sagt der FES-Direktor und fährt mit einem Finger über die Kufe. Die Techniker des FES glauben zwar bedingungslos an den ständigen Fortschritt, aber sie haben es mit sensiblen Kunden zu tun. „Von den technischen Werten sind die neuen Kufen eindeutig besser“, sagt Schaale, „aber bislang hat sich nur Sabine Völker definitiv dafür entschieden. Claudia Pechstein und Anni Friesinger überlegen noch.“ Sport ist schließlich auch Gewohnheits- und Gefühlssache. Georg Hackl lässt sich regelmäßig vom FES beraten, seinen Schlitten baut er jedoch lieber selbst zusammen.

Das Vertrauen der Sportler in das FES ist trotzdem groß, auch weil viele individuelle Wünsche erfüllt werden: Von den sechs deutschen Olympiabobs stammen fünf aus der Werkstatt des FES. Im Vergleich zu den Bobs für die Winterspiele 2002 haben die Techniker Kufen, Fahrwerk und Aerodynamik verbessert. Im Rodeln starten in Turin sechs FES-Schlitten, im Skeleton sind FES-Kufen im Einsatz, und 11 der 14 deutschen Eisschnellläufer benutzen Technologie des Instituts. Das alles haben die Techniker auch in staatlichem Auftrag entwickelt, denn jährlich überweist das Bundesinnenministerium 2,9 Millionen Euro. Das sind knapp 90 Prozent des Etats. Den Rest erwirtschaftet das FES aus Drittmitteln.

In Turin erwartet Schaale von der Konkurrenz keine Überraschungen. „Wir sind gegenseitig auf dem Laufenden, weil die neuen Materialien schon in dieser Weltcupsaison benutzt wurden.“ Die Amerikaner hätten zwar Kooperationen mit Nasa und Navy und die Russen gute Verbindungen zum Militär, doch diese Arbeit sei eher projektbezogen. „Unser Vorteil ist die Kontinuität und dass wir vom Gedanken bis zur Produktion alles unter einem Dach haben. Wir funktionieren wie die Entwicklungsabteilung eines großen Konzerns.“

Die Rodler haben mit dem Material des FES in dieser Saison einen Bahnrekord nach dem anderen aufgestellt, und die Bobfahrer sind bei Testfahrten so schnell den Eiskanal hinuntergesaust, dass es Schaale „ganz schwindlig geworden“ ist. So rasant ist die technische Entwicklung, dass er sich schon ein bisschen Sorgen macht. „Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass bei jedem Rodelweltcup jemand stürzt. Die Systeme müssen beherrschbar bleiben.“

Gut möglich, dass die Regeln dann wie in der Formel 1 verändert werden, um die Geschwindigkeiten zu senken. Dann beginnt die Suche nach neuen Verbesserungen und neuen Lücken. Denn auch die Techniker des FES sind Sportler. Sie wollen die Besten sein im Rahmen der Regeln.

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