Sport : Ansichten aus der Tretmühle

Lewis Hamilton und die Schattenseiten des Ruhms

Christian Hönicke

Berlin - Lewis Hamilton stellt sich auf die Zehenspitzen, doch es hilft nichts. Das Model Eva Padberg, das mit ihm eine PR- Veranstaltung in Berlin bestreiten soll, überragt ihn um beinahe einen Kopf. „Nächstes Mal muss ich mir Schuhe mit höheren Sohlen anziehen“, sagt Hamilton, bevor er sich lächelnd wieder auf seine 1,74 Meter sinken lässt. Die Szene täuscht: Lewis Hamilton ist eigentlich kein Mensch, der sich größer macht, als er ist.

Dazu besteht auch kein Anlass. Innerhalb weniger Wochen hat sich das Außenbild des 22-Jährigen von einem unbekannten Rennwagen-Testfahrer zu einem internationalen Superstar potenziert. Eigentlich sei er gerne Star, sagt Hamilton, denn so treffe er viele interessante Leute. Doch längst hat der McLaren-Pilot und derzeitige WM-Führende in der Formel 1 die schattige Seite des Ruhms entdeckt. Beim Rennen in seiner Heimat Großbritannien vergangene Woche wurde er geradezu erdrückt von der Aufmerksamkeit, die dem neuen Liebling der Nation zuteil wurde. „Es ist unglaublich, was momentan zu Hause los ist. Die Leute drehen durch.“

Der nach Expertenmeinung am besten vorbereitete Neuling der Formel 1 muss nun zeigen, dass er auch außerhalb der Rennstrecke mit dem atemberaubenden Tempo klarkommt. Mit scharfem Blick und wachem Verstand registriert der 22-Jährige, dass er plötzlich die Handynummer des Rappers P. Diddy hat oder die Rocker-Witwe Courtney Love ihn angeblich „schnuckelig und sexy“ findet und zu sich nach L.A. einladen will. „Mann echt, Courtney Love?“, fragt er. Die Faszination währt jedoch nur kurz: „Plötzlich will jeder was von dir.“ Das Schwierigste sei, dass er nun überall erkannt werde. In Klubs würde er ständig von Frauen angesprochen, er könne auch nicht mehr einfach einkaufen oder ins Kino gehen. „Da kommt dann jemand und will ein Autogramm oder ein Foto – und am Ende bin ich in einer riesigen Traube.“

Auch in Deutschland, wo in einer Woche das nächste Rennen stattfinden wird, ist Hamilton ein Star. Als er am Donnerstag am Flughafen aus dem Flieger trat, waren die Autogrammjäger schon da. „Sogar in Berlin erkennt man mich!“, sagt Hamilton in einer Mischung aus ungläubigem Erstaunen und Unbehagen. „Wenn man kein Star ist, träumt man vielleicht davon. Aber wenn du erst einmal einer bist, denkst du nur noch: Das ist verrückt.“ Es werde immer schwieriger, nicht mit gesenktem Kopf und Tunnelblick an den ganzen Menschen vorbeizurennen. Früher habe er Michael Schumacher deswegen für arrogant gehalten. „Jetzt weiß ich, wie es ist, Teil einer Tretmühle zu sein. Manchmal musst du das einfach tun, weil es zu viel wird.“

Wie Schumacher hat Hamilton die Formel 1 längst als Scheinwelt enttarnt und versucht, eine Art unbeteiligter Protagonist zu sein. „Die Formel 1 ist so aufgeblasen, da brauche ich nach den Rennen immer ein bisschen Zeit, um in die Realität zurückzukehren.“ Die Realität oder das, was zwischen all den Terminen davon noch übrig ist, sieht momentan so aus: „Ich führe exakt das gleiche Leben wie vor einem Jahr. Ich komme nach Haus in die gleiche Wohnung und hoffe, dass Essen im Kühlschrank ist. Ich habe mir auch noch nichts von meinem Gehalt gekauft. Ich bin ein ganz normaler Typ von nebenan.“

Die Frage ist, wie lange er das eine oder das andere noch bleiben wird. Hamilton erwägt bereits, vor dem Hype aus Großbritannien zu flüchten. Zuletzt hat er sich mehr und mehr zurückgezogen, aber natürlich ist ihm nicht entgangen, dass sein neues Leben nicht artig vor der Wohnungstür wartet: „Ich muss nun stärker darauf achten, mich mit Menschen zu umgeben, denen ich auch vertrauen kann.“

Kurz bevor er Eva Padberg werbewirksam durch Berlin chauffiert, erzählt Lewis Hamilton, dass er seine Freundin seit Mitte März nicht mehr gesehen hat. „Sie ist gerade in Hongkong, und ich habe einfach keine Zeit, um sie zu besuchen.“ Eine Woche gemeinsamen Urlaub mit ihr hat er seinen Zeitmanagern immerhin abgerungen. Es wird viel zu bereden geben.

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