Sport : Anstieg zum Fußballgipfel

Fünf Aachener Fans sind mit dem Rad zum Pokalfinale nach Berlin gefahren

Christian Gödecke

Berlin - Im März konnte Michael Mertens noch nicht ahnen, dass irgendwann die Hölle gefrieren würde. Der 40-jährige Hauptkommissar, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei im Rhein- Erft-Kreis und Sympathisant von Zweitligist Alemannia Aachen, bekam vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Aachen und dem FC Bayern München einen Anruf vom Gewerkschaftsvorsitzenden aus Düren. Der erinnerte ihn an eine Wette, die bereits zwei Jahre zurück lag. Damals hatte Mertens angeboten, mit dem Fahrrad nach Berlin zu fahren, wenn Aachen mal im Endspiel stehen würde. „Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Aachen mal ins Pokalfinale kommt, war ja so hoch wie Nachtfrost in der Hölle“, sagt Mertens heute. Weil die Wahrscheinlichkeit, dass Aachen die großen Bayern aus dem Pokal werfen würde, gegen Null ging, stimmte Mertens zu. Doch die Bayern verloren, Alemannia Aachen gewann auch das Halbfinale gegen Borussia Mönchengladbach – und die Hölle war gefroren. Mertens musste nach Berlin fahren. Mit dem Rad.

Am Samstag vor einer Woche machte sich der Hauptkommissar auf den Weg von Aachen nach Berlin: 800 Kilometer in sieben Tagen, durch Mittelgebirge wie den Harz mit Höhenunterschieden von bis zu 900 Metern. Nicht leicht für einen Hobbysportler wie Mertens, der bisher „mit dem Fahrrad gerade mal die Brötchen geholt“ hatte. Auch Uwe Hacking, 41 Jahre alt und wie Mertens Hauptkommissar bei der Polizei, glaubte nicht an seinen Kollegen. „Ich habe zu ihm gesagt, dass er diese Strecke nicht schafft. Spätestens im Mittelgebirge ist Schluss.“ Aber bis dahin wollte Hacking dabei sein, auch um sicherzugehen, „dass der Michael jeden Meter mit dem Fahrrad fährt“. Drei weitere Kommissare opferten ihre Freizeit und schlossen sich Mertens an. Hacking mietete ein Wohnmobil und fuhr als Kartenleser eine Woche hinter den Kollegen her: „Die körperlichen Strapazen wollte ich mir nicht antun.“

Michael Mertens fuhr tatsächlich jeden Meter. Am Montag wäre die Tour aber fast vorbei gewesen. „Der dritte Tag war der entscheidende, da war im Sauerland unsere ,Königsetappe’ über 162 Kilometer. Ich war kurz vorm Aufgeben“, sagt Mertens. Dass es weiterging, war vor allem Gerald Kemmerling zu verdanken. Der 45-Jährige ist der Sportlichste von allen. Und so musste Kemmerling, der auch schon einen Marathon gelaufen ist, häufig an vorderster Position fahren, im Wind. „Da konnte ich nachvollziehen, wie sich Rolf Aldag fühlt, wenn er Jan Ullrich die Berge hochschleppt.“ Und wer war Jan Ullrich in der Gruppe? „Das war schon der Michael Mertens. Aber eher Ullrich im Januar, wenn er noch nicht im Training ist“, sagt Kemmerling. Vielleicht rührte Kemmerlings Ehrgeiz auch aus der Tatsache, dass er Fan des Bundesliga-Absteigers 1. FC Köln ist. „Die Fahrt war Buße für den Abstieg und Wallfahrt, dass der FC im kommenden Jahr wieder in Berlin spielt.“

Der sportliche Ehrgeiz der fünf Polizisten auf Deutschlandtour wurde mit jedem Tag größer. Wohl auch deshalb, weil sie lange von Pannen verschont blieben. Das änderte sich in Magdeburg. Ein Seilzug riss, und der einzige Fahrradladen weit und breit war geschlossen. Der Besitzer feierte gerade seine Silberhochzeit. „Nachdem wir geklingelt hatten, hat der Mann das Jacket ausgezogen, die Ärmel hochgekrempelt und den Seilzug gewechselt“, erzählt Uwe Hacking. „Die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft im Osten war großartig. Ich war ja zum ersten Mal hier.“

Am Freitagmittag sind Michael Mertens und seine Kollegen am Olympiastadion angekommen. 809 Kilometer und acht Stunden täglich im Sattel liegen hinter ihnen. „Diese Tour konnten wir nur im Team schaffen. Und auch die Alemannia kann im Finale nur bestehen, wenn sie zusammenhält“, sagt Mertens. Auf einen Sieg wollte er nicht wetten. Denn zurückfahren möchte er mit dem Auto.

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