Sport : Anti-Dopingkampf: "In diesen Tagen wird viel Unsinniges behauptet" (Interview)

Mit einer Woche Abstand - wie bewerten Sie das Urt

Helmut Digel (56) ist seit 1993 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Seit 1995 ist der Leiter des Institutes für Sportwissenschaft der Universität Tübingen Mitglied des Councils des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF).



Mit einer Woche Abstand - wie bewerten Sie das Urteil des Rechtsausschusses im Fall Baumann. Glauben Sie, dass die IAAF dem deutschen Urteil folgt? Hätte der DLV nach dem Urteil des Rechtsausschusses nicht auch das DSB-Schiedsgericht anrufen können?

Für mich ist das Urteil nachvollziehbar. Es erfolgte auf der Grundlage einer fundierten juristischen Begründung, und der Rechtsausschuss hat auf der Basis jener Regeln gehandelt, die ihm über die Satzung des Verbandes vorgegeben sind. Die Anti-Doping-Kommission der IAAF prüft das Urteil in diesen Tagen. Es wird von dieser Kommission abhängen, ob sich der IAAF-Council noch einmal mit dem Fall Baumann zu beschäftigen hat. Ihre zweite Frage habe ich selbst bereits vor zwei Jahren gestellt. Sie beweist, wie notwendig es geworden ist, dass endlich alle Verantwortlichen bereit sind, die eklatanten juristischen Schwächen in den Doping-Verfahren zu beseitigen. Wir dürfen als Verband nicht das DSB-Schiedsgericht anrufen, dies darf nur der beschuldigte Athlet.

Ist das eine Wende im Dopingverfahren, dass Faktoren, die für den Athleten sprechen, offenbar anders bewertet werden als in früheren Fällen? Was sind die Konsequenzen für zukünftige Fälle, wird schon der Fall Pippig vor dem DSB-Schiedsgericht anders als bisher bewertet?

Falsche Aussagen werden auch dadurch nicht wahr, dass sie unendlich häufig wiederholt werden. Auch in allen früheren Fällen hatten Athleten die Möglichkeit zur Anhörung, auch in früheren Fällen wurden sie von Rechtsanwälten vertreten, und auch in allen früheren Fällen wurde jeder einzelne Fall vom Rechtsausschuss gewissenhaft überprüft, bevor es zu einer Entscheidung gekommen ist. Wer dies in Frage stellt, der sollte gegen den DLV juristische Schritte unternehmen. In diesen Tagen wird von vielen Unsinniges behauptet, es werden Meinungen zum Urteil geäußert, die jeder Grundlage entbehren. Manchem Kritiker kann man nur raten, er möge erst denken, bevor er spricht. Der Fall Pippig wird von einem unabhängigen Schiedsgericht zu entscheiden sein. Sollte Entlastendes für einen Freispruch für Frau Pippig sprechen, so wäre auch dieses Urteil zu respektieren, denn in einem vernünftigen Rechtssystem gibt es immer beide Optionen.

Sie haben einmal gesagt, dass es für beschuldigte Athleten sehr problematisch sei, ihre Unschuld zu beweisen, wenn sie sich keiner Schuld bewusst sind. Wird das System zukünftig fairer gegenüber dem Athleten oder fördert es eher Betrüger?

Die juristische Diskussion der vergangenen Monate hat gezeigt, dass die Rechte des Athleten sehr viel stärker zu schützen sind als bisher. Auch in allen früheren Doping-Fällen war es meines Erachtens äußerst problematisch, wie Athleten, die des Dopings verdächtigt werden, öffentlich, aber auch verbandsintern behandelt werden. Schon der Verdacht stempelt den Athleten zum Betrüger und den Verdächtigen wird bereits erheblicher Schaden zugefügt. Deshalb dürfen in den Vereinigten Staaten Dopingfälle erst dann veröffentlicht werden, wenn ein Schiedsgericht entschieden hat. Meines Erachtens bedarf es auch diesbezüglich einer neuen juristischen Diskussion, und es sollte eine bessere Lösung gefunden werden. Damit würden keineswegs Tür und Tor geöffnet für potentielle Betrüger. Ist eine Probe positiv, so muss auch zukünftig ein Verbandsverfahren eingeleitet werden.

Waren deutsche Funktionäre zu lange zu überzeugt von einem nur vermeintlich perfekten System? Offenbar braucht das Anti-Dopingsystem eine professionellere Ebene.

Ich kann hier nicht für alle Funktionäre sprechen. Ich selbst war jedoch in den vergangenen acht Jahren ständig bemüht, den Kampf gegen Doping zu optimieren. Jahr für Jahr mussten wir im DLV dabei Lücken entdecken und dazulernen. Der Fall Baumann zeigt, dass die ehrenamtlichen Strukturen für derart komplexe Fälle überfordert sind, dass man professionellere Strukturen benötigt. Deshalb werden im und außerhalb des DLV entsprechende Bemühungen für Veränderungen eingeleitet. Die Labors arbeiten meines Erachtens überwiegend professionell. Die Kontrollen können gewiss noch optimiert werden. Entscheidend ist hier, dass jene, die Fehler machen, auch für ihre Fehler zu haften haben. Und was die Laborarbeit betrifft, wäre es zu wünschen, dass sich die Verantwortlichen auf jene Arbeit beschränken, die ihnen obliegt, und dass sie sich öffentlicher Stellungnahmen, insbesondere in laufenden Verfahren, möglichst enthalten.

Es wird nach dem Fall Baumann auch darum gehen, neues Vertrauen für das Kontrollsystem zu gewinnen. Ist es nicht an der Zeit, den Staat stärker einzuschalten?

Ihre Frage ist an den Falschen gerichtet. Seit 1993 weise ich darauf hin, dass die Verfolgung von Dopingverbrechen für Sportverbände nicht möglich ist. Meine Kritik und meine Vorschläge wurden jedoch immer mit dem Hinweis abgelehnt, dass mit dem Arzneimittelgesetz ausreichende rechtliche Grundlagen für den Kampf gegen Doping in Deutschland bestehen. Angesichts der positiven Proben besteht meines Erachtens nach wie vor ein Anfangsverdacht auf Dopingbetrug im Spitzensport, nirgendwo kann ich jedoch erkennen, dass die angemessenen staatsanwaltlichen oder polizeilichen Ermittlungen erfolgen. Aktuell werde ich durch die neue italienische Gesetzgebung bestätigt.

Müssen Sie nicht damit rechnen, dass zukünftig wie bei Baumann die Polizei eingeschaltet wird?

Wenn wie bei Baumann die Polizei eingeschaltet wird, führt das nicht notwendigerweise zu Urteilen vor ordentlichen Gerichten. Aber wir bekommen dadurch immer kompliziertere, längerdauernde und teurere Verfahren. Ich habe den Eindruck, dass die Rechtsexperten den Sport in eine Sackgasse geführt haben.

Ihr britischer Kollege David Hemery hat vorgeschlagen, doch gleich auf ein teures, mühseliges nationales Verfahren zu verzichten. Stattdessen solle man ein internationales Schiedsgericht installieren und alle Fälle dorthin übergeben. Damit wären dann die nationalen Verbände aus der Schusslinie von Schadensersatzansprüchen.

Diese Lösung wäre mir am liebsten. Aber dazu sagen die Rechtsexperten, dies sei nicht rechtsstaatlich. Ich habe allerdings gegenüber der IAAF den Antrag eingebracht, dass die IAAF auf ihr eigenes Schiedsgericht verzichtet und alle Fälle letztinstanzlich vom CAS (Oberstes Sportgericht, d. Red.) des IOC entschieden werden. Hierfür ist mit dem Anti-Doping-Code des IOC eine Grundlage geschaffen, die ausreichend wäre.

Fürchten Sie Schadensersatzklagen, von denen Baumanns Anwalt Lehner immer wieder spricht?

Unser Anti-Doping-Kommission hat Dieter Baumann zu Recht suspendiert. Der Beschluss meines Präsidiums, eine Sperre beim Rechtsausschuss zu beantragen war rechtens, dies wurde bestätigt durch das Oberlandesgericht in Frankfurt. Deswegen halte ich es für absolut undenkbar, dass an den DLV Schadensersatzforderungen gerichtet werden können. Sollte dies der Fall sein, so müsste der DLV diese Schadensersatzansprüche an andere weiterleiten, die möglicherweise Fehler gemacht haben.

Das Kontrollsystem dürfte deutlich teurer werden. Sind die Sportverbände überfordert?

Die Sportverbände sind nicht überfordert. In ihren autonomen Strukturen können sie jenes leisten, was diese Strukturen ihnen ermöglichen, aber sie benötigen starke Partner. Dazu ist vor allem die Partnerschaft des Staates erforderlich, aber auch die Wirtschaft sollte in völlig neuer Weise in einen Kampf gegen Doping eingebunden werden. Es ist richtig, dass ein fundierter Kampf gegen Doping Kosten erzeugt, die von den Verbänden selbst nicht aufzubringen sind.

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