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Anzeige erstattet : Lell sorgt für neuen Ärger bei Hertha

Drei Tage nach der Niederlage in Osnabrück ist gegen Christian Lell Anzeige erstattet worden. Herthas Verteidiger wurde in einer Münchner Diskothek in eine Schlägerei verwickelt. Mit Trainer Babbel führte er inzwischen ein langes Gespräch.

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Unter Verdacht. Herthas Christian Lell war in einer Münchner Diskothek in eine Schlägerei verwickelt. Die Frage ist, ob er Täter oder Opfer ist. Lell sagt, er sei in die Sache hineingezogen worden, ohne etwas getan zu haben.
Unter Verdacht. Herthas Christian Lell war in einer Münchner Diskothek in eine Schlägerei verwickelt. Die Frage ist, ob er Täter...Foto: Harald Ottke

Berlin - Christian Lell erlebt gerade aufregende Tage. Der Fußballprofi von Hertha BSC ist vor knapp zwei Wochen zum ersten Mal Vater geworden, da wird das komplette Leben auf den Kopf gestellt. Immerhin hat der 26-Jährige das Glück, dass seine Tochter außergewöhnlich viel schläft. Die Nächte sind also einigermaßen ruhig. Für die Nacht auf Sonntag lässt sich das leider nicht behaupten. Beim Besuch einer Diskothek in seiner Heimatstadt München wurde Lell in eine Schlägerei verwickelt. Die Frage, ob Herthas Verteidiger Opfer oder Täter ist, wird jetzt die Kriminalpolizei klären. Die Pressestelle der Münchner Polizei bestätigte gestern: „Es wurde Anzeige erstattet.“ Der Vorwurf: einfache Körperverletzung.

„Ich hänge in der ganzen Sache mit drin, ohne was gemacht zu haben“, sagte Lell dem RBB. Gegen vier Uhr wurde die Polizei verständigt. Laut Lell hatte es eine Rangelei am Nebentisch gegeben, in die er hineingezogen worden ist. „Es tut mir leid, weil ich die Situation hätte erahnen müssen und gehen sollen.“ Nach der Täterversion soll Herthas Verteidiger, der mit Freunden die Geburt seiner Tochter feierte, einen anderen Gast geschlagen und den Geschäftsführer der Diskothek geschlagen und bespuckt haben. Lell bestreitet das: „Ich habe Zeugenaussagen, auch schriftlich, die beweisen, dass ich unschuldig bin.“ Trotzdem sagt er: „Das Ganze wirft ein schlechtes Licht auf mich. Solche Schlagzeilen können wir nicht gebrauchen.“

Ganz bestimmt nicht in diesen Tagen, in denen Hertha ein wenig der Zauber des Sommers verloren zu gehen scheint. Am Freitag haben sich die Berliner beim VfL Osnabrück ihre zweite Saisonniederlage eingehandelt, und am Sonntag ist dann auch noch Erzgebirge Aue am bisherigen Spitzenreiter vorbeigezogen. In den Internetforen, die sich mit Hertha beschäftigen, wird längst die Frage gestellt, ob die Berliner ihr Saisonziel, den Wiederaufstieg, wirklich realisieren können. Die Stimmung kann schnell kippen, gerade bei Fußballfans, die sich oft vom Augenblick leiten lassen.

Lell hat seine Vorgesetzten Michael Preetz und Markus Babbel am Sonntag über die Angelegenheit informiert. Es sei sehr unglücklich, „dass er sich in die Sache hat verwickeln lassen“, sagte Manager Preetz. Er sieht aber „keinen Grund, an seinen Schilderungen zu zweifeln“. In Lells Erklärungen sei alles schlüssig. Daher gebe es auch keine Sanktionen des Klubs, auch nicht dafür, dass Lell zu später Stunde noch unterwegs war. „Die Spieler hatten zwei freie Tage“, sagte Preetz. „Sie waren nicht im laufenden Betrieb.“

Babbel und Preetz schließen Sanktionen zum jetzigen Zeitpunkt aus

Am Abend äußerte sich auch Trainer Markus Babbel zum Thema: "Ich habe lange mit Christian Lell und auch mit den anderen Spielern über den Fall gesprochen." Babbel erklärte, ihm sei es wichtig, dass niemand in der Mannschaft denke, er dürfe sich etwas herausnehmen. Vereinsinterne Sanktionen hält aber auch Herthas Trainer derzeit nicht für angebracht.

Christian Lell stand bisher sinnbildlich für Herthas soliden Start in die Zweitligasaison. Der frühere Münchner stach nicht unbedingt aus der Mannschaft heraus, aber er erfüllte rechts in der Viererkette seinen Job. Lell stand bei allen 15 Pflichtspielen von der ersten Minute bis zum Abpfiff auf dem Platz, und nach dem Ausfall von Andre Mijatovic durfte er in den vergangenen Wochen sogar die Kapitänsbinde tragen. „Was im Moment passiert, ist Bilderbuch“, hat er in der vergangenen Woche dem „Kicker“ erzählt.

Lell hat auch andere Zeiten erlebt. Für die Beleidigung eines Polizisten musste er einen Strafbefehl über 160 000 Euro bezahlen. Zudem wurde er von seiner früheren Freundin der Körperverletzung bezichtigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, stellte das Verfahren allerdings ein. Lell gilt in dieser Angelegenheit als unschuldig. Und trotzdem haben sich im Sommer viele Fans gefragt: Was will Hertha denn mit dem?

Lell war kaum in Berlin, da schien er die Vorbehalte bereits zu bestätigen. Die Öffentlichkeit überraschte er mit der kryptischen Beschuldigung, Michael Ballack sei in sein Privatleben eingedrungen. Seine Andeutungen lösten in der Klatschpresse riesigen Wirbel aus. Lell machte Ballack dafür verantwortlich, dass er im Frühjahr drei Monate komplett aus der Öffentlichkeit abgetaucht war, bei den Bayern nicht spielte und selbst vom Training freigestellt war. „Ich war mental angeschlagen“, hat Lell über diese Zeit erzählt.

Das Angebot von Hertha hat Lell wie „eine Befreiung“ empfunden. In der Tat machte er in den vergangenen Wochen einen zufriedenen und aufgeräumten Eindruck, erwies sich als umgänglich im persönlichen Gespräch und war immer ansprechbar. „Ich fühl mich wohl in Berlin, ich fühl mich wohl in der Mannschaft“, sagt er. Der Wechsel nach Berlin war für den Münchner ein Neuanfang. „Da haben zwei zusammengefunden, die am tiefsten Punkt waren“, sagt Michael Preetz. Der abgestürzte Hauptstadtklub und der fast vergessene Profi, die sich gemeinsam wieder nach oben arbeiten wollen. Es scheint, als sei das vergangene Wochenende für beide Seiten ein Rückschlag gewesen.

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