Arbeiterverein außer Kontrolle : Chaos-Tage bei 1860 München

Erst sollte ein Privatinvestor 1860 München langfristig zum Aufstieg in die erste Liga verhelfen. Nun wurden Vertragsdetails der Investition bekannt und der Verein zog die Pläne zurück. Stevic scheint unhaltbar, Reuter kann nicht mehr zurück. Die Sechzger beweisen ihren Hang zur Selbstzerstörung und scheinen schlichtweg kein Glück mit dem Schicksal zu haben.

Hüseyin Ince
Stevic 1860
Der frühere Spieler und derzeitige Geschäftsführer bei 1860 München Miroslav Stevic. Wird er seinen Posten behalten? -Foto: dpa

München"Die Sechzger" oder "die Blauen" nennt man den TSV 1860 München e.V. gemeinhin, und sie gelten als Arbeiterverein im Südwesten der Stadt. Das zählt als starke Abgrenzung zu den "Roten", also zu Bayern München, wo nach Meinung der Sechzger die Schickeria und deren Geld regieren. Man muss sich als Münchner Fußballfan bekennen zu einem der Vereine. Sonst gerät man zwischen die Fronten. Rot oder Blau. Das ist in der bayrischen Hauptsadt nicht nur eine Frage des Sports, sondern auch des Gewissens. Dieser Tage könnten sich die "Sechzger" aber eher an den Bayern orientieren als umgekehrt und mit der Selbstzerfleischung aufhören - tun sie aber nicht. Die Posse um den Finanzinvestor Nicolai Schwarzer hat vorerst kein Ende.

Und vielleicht, ja vielleicht war einer der Grundsteine vom heutigen Chaos viel früher gelegt und setzt sich lediglich kontinuierlich fort. Möglicherweise lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, als der talentierte 13-jährige Franz Beckenbauer mal vorhatte, als Jugendspieler zu den "Blauen" zu wechseln. Damals war 1860 München der erfolgreichere Fußballverein in der Stadt, die Bayern waren abgeschlagen die Nummer zwei. Beckenbauer entschied sich für die "Roten" um, nachdem ihn ein Spieler der "Sechzger" während eines Fußballspiels ohrfeigte. Was Beckenbauer für die Bayern und für den deutschen Fußball geleistet hat, ist hinlänglich bekannt. Heute ist der FC Bayern sogar erfolgreicher als die Sechzger in den Sechzigern. Zurück zur Gegenwart.

Der bisherige Geschäftsführer der "Blauen", Stefan Reuter, war einer der schnellsten Bundesliga-Spieler, die es je gab. Man sagte ihm nach, dass er unter elf Sekunden für hundert Meter brauchte. Und erfolgreich war er dazu. Mehrfacher Deutscher Meister, Weltmeister, Europameister, Uefa-Cup-und Super-Cup-Gewinner. Bis ins hohe Fußballer-Alter (38) hielt er locker mit den jungen Spielern mit. Bei Bayern München, Juventus Turin und Borussia Dortmund spielte Reuter den größten Teil seiner erfolgreichen Fußball-Karriere. Ein Mann also, dem mit seiner Erfahrung durchaus Ahnung von erfolgreichem Fußball zuzutrauen ist.

Schwerwiegende Finanzprobleme

Reuter war also ein richtig Schneller, aber dass er auch einen solch schnellen Abgang von 1860 München macht - damit haben nicht viele gerechnet, zumal er nicht freiwillig ging und durch Miroslav Stevic ersetzt wurde. 1860 leidet nämlich unter notorischen Finanzproblemen. Das gemeinsame neue Stadion mit Bayern München zählt als größte finanzielle Belastung für die "Blauen". Mittlerweile sind sie nur noch Mieter im vormals zusammen mit den Bayern finanzierten Stadion im Norden Münchens. 5,3 Millionen Euro kostet es pro Jahr. Man überlegte sogar ins marode, sanierungsbedürftige Grünwalder Stadion zurückzuziehen, dorthin, wo man herkam und die größten Erfolge der Vergangenheit feierte. Die Fans der "Sechzger" akzeptierten die Arena und das Stadion-Bündnis mit den "Roten" sowieso nie. Oft wird in der Arena vor halbleeren Rängen gespielt.

Miroslav Stevic, der Mann, der Reuter nun als Geschäftsführer verdrängte, war das Gegenteil vom Fußballer Reuter. Er war eher bedächtig und Mittelfeldstratege. Er brauchte sicherlich weit mehr als 11 Sekunden auf hundert Meter und bei seinen Sprints von einer Explosion zu sprechen, wäre die Wahrheit sanft zu ummänteln. Nun erwies er sich wieder als Stratege. Schon lange schielte er auf den Posten von Stefan Reuter und bekam ihn, obwohl der Serbe bisher keine Erfahrung als Manager oder mit einem ähnlichen Führungsposten vorweisen kann.

Stratege gegen Sprinter

Stevic werden sehr gute Kontakte zur legendären Mannschaft aus den sechziger Jahren um Torwart-Legende Petar Radenkovic nachgesagt. Sie soll heute sehr viel Einfluss auf die Vereinsentscheidungen haben. So zauberte also der Stratege den Finanzinvestor Schwarzer hervor, der rund 20 Prozent des Vereins übernehmen sollte. Somit war es nicht schwierig, Reuter durch die Vereinsführung beurlauben zu lassen. Den Verlockungen auf einen finanziell sanierten Verein und der Möglichkeit, durch die neuen Investitionen die Mannschaft zu verstärken und mit der bisherigen Strategie zu brechen, die eigene Jugend zu fördern, konnten die wenigsten widerstehen.

Doch die DFL meldete sich zu Wort. Ihr missfiel es nicht so sehr, dass der neue Investor 20 Prozent Anteile haben sollte. Denn laut DFL Statuten muss der Verein lediglich 50+1 Prozent der Vereinsanteile innehaben. Ansonsten wären Investitionen á la Dietmar Hopp bei Hoffenheim erst gar nicht möglich. Vielmehr missfiel es, dass der neue Investor Schwarzer nur Investitionen für die Sechzger signalisierte, falls Reuter geht und der Stevic kommt. Denn laut DFL-Regeln dürfen Investoren keinen Einfluss auf die Besetzung führender Positionen im Verein nehmen.

Nun aber kommt die Posse erst in Fahrt, denn es wird klar, dass die Vereinsführung die Pläne für den Privatinvestor ohne genauere Prüfung der DFL-Statuten abgesegnet hat. Der Verein verkündete nun überstürzt, dass der Investitionsplan mit Schwarzer "auf Eis gelegt" sei, bevor die DFL irgendwas verboten und lediglich Bedenken über die Einflussnahme geäußert hatte. Einer der Aufsichtsräte, Jo Brauner, trat bereits öffentlichkeitswirksam zurück und verkündete sinngemäß, dass er das Chaos  nicht mehr ertrage.

Stevic möchte trotz allem bleiben

Christian Ude, Oberbürgermeister Münchens und Ausfsichtsratsmitglied bei 1860, erklärte am Mittwoch mittag, dass dem Verein keine Insolvenz drohe. Dies war befürchtet worden, nachdem auch der Trikotsponsor das Ende der Zusammenarbeit nach der Saison verkündete. Ein neuer Sponsor muss erst mal gefunden werden, der dem selbsterklärten, notorischen Aufstiegsaspiranten 1,2 Millionen Euro pro Jahr überweist. Auch Ude denkt mittlerweile laut über einen Rücktritt vom Aufsichtsratsposten nach.

Ob Stevic nun als Geschäftsführer haltbar ist und weiterarbeiten kann, ist ungewiss. Denn obwohl seine Verflechtung mit dem Fast-Investor Schwarzer offensichtlich zu sein scheint, leugnet er jegliche Zusammenarbeit und möchte seinen Posten behalten. Nun wurde aus den Vertragsinhalten mit Schwarzer bekannt, dass Stevic auch nur durch die Zustimmung des Privatinvestors Schwarzer hätte von seinem Posten abgelöst werden können. Man darf gespannt sein, ob und wie sich der Stratege Stevic aus der Affäre windet.

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