Argentinien geht unter in Brasilien : Das Dilemma der One-Man-Show

Der argentinische Fußball steckt in der Krise. Nun droht das Nationalteam, die WM zu verpassen. Ursachenforschung - ein Kommentar.

Sven Goldmann
Allein in Gedanken. Messi. Foto: AFP/Magno
Allein in Gedanken. Messi.Foto: AFP/Magno

Diego Maradona spielt immer noch Fußball. Neulich hat er in Rom für den Weltfrieden gekickt, auf Einladung des Papstes, darunter macht er es nicht, und wieder mal lag ihm die Heimat zu Füßen. Der argentinische Fußball sieht sich auf ewig in der Tradition Maradonas und wähnt sich seit dem Pontifikat des aus Buenos Aires stammenden Papstes Franziskus auch noch unter göttlichem Schutz. Reicht alles nicht. In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland trudelt die blau-weiß-gestreifte Nation einem Debakel entgegen.

Nach dem 0:3 am Donnerstag gegen Brasilien liegt Argentinien in der südamerikanischen Qualifikationsgruppe auf dem sechsten Platz, und der würde am Ende nicht mal mehr für zwei kontinentalübergreifende Ausscheidungsspiele gegen einen Quotengegner aus Asien reichen.

Nun sind noch sieben Spiele zu spielen, aber mit arithmetischen Mitteln allein ist das argentinische Dilemma nicht zu lösen. Nirgendwo sonst im Fußball liegen Genie und Wahnsinn so dicht zusammen wie in Argentinien. Die Nation ist mit so viel Weltstars gesegnet wie kaum eine andere und hat seine Nationalmannschaft als One-Man-Show konzipiert. Was früher Diego Maradona war, ist heute Lionel Messi. Einer, ohne den nichts geht, auf dem Platz und daneben.

Unter Messis Regentschaft reicht es nur zu einem Abonnement für zweite Plätze

Doch der Messi in der Seleccion ist nicht der Messi von Barcelona, und außerdem hat sich der Fußball verändert seit 1986, als Maradona Argentinien ganz allein zum WM-Titel führte. Unter Messis Regentschaft reicht es nur zu einem Abonnement für zweite Plätze, aber selbst daran wagt in Buenos Aires im Moment niemand zu denken.
Es muss etwas passieren, aber was? Den neuen Trainer Edgardo Bauza haben die Argentinier im Sommer vor allem deshalb rekrutiert, weil er wie Messi aus Rosario kommt und damit bestens geeignet war, den von allerlei Finalniederlagen ermüdeten Weltstar zu einem Comeback in der Nationalmannschaft zu überreden. Bei diesem Projekt war Bauza erfolgreich, bei seinem Nebenjob als Trainer unter Messis Gnaden ist er es nicht.

Argentinier neigen in solchen Situationen zu unkonventionellen Lösungen. Als etwa 2009 die Qualifikation für die WM in Südafrika in Gefahr geriet, berief der Verband Diego Maradona zum Trainer. Dieses Unternehmen hatte kurzfristig Erfolg, endete aber in einem erniedrigenden 0:4 gegen Deutschland. Maradona wäre auch jetzt zu haben. Neulich hat er in Rom für den Weltfrieden gekickt, und darüber steht im katholischen Argentinien nur noch die Seleccion. Im Sinne einer steten Balance von Genie und Wahnsinn wäre das die konsequenteste aller Lösungen.

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