Ariane Friedrich : Wer hat die Latte so hoch gelegt?

Sie gilt als Zicke, als Hoffnung, als blondes Gesicht der deutschen Leichtathletik. Heute kämpft Hochspringerin Ariane Friedrich gegen ihre Rivalin Blanka Vlasic. Es geht um die Goldmedaille – und um ihr Gesamtkunstwerk.

Frank Bachner
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Cool auf der Matte. Beim Istaf schockte Ariane Friedrich die Konkurrenz . Das will sie im WM-Finale erneut schaffen. -Foto: dpa

Die Geschichte mit der Matratze kam natürlich als skurrile Nummer rüber. Ariane Friedrich rückte mit ihrer eigenen Matratze ins Mannschaftshotel ein. Aber das musste schon sein. So sieht eben professionelle Vorbereitung aus, für Günter Eisinger ist das gar keine Frage. Der Trainer Eisinger bleibt beim Thema Matratze ganz locker: „Arianes Rückenprobleme hätten den Erfolg gefährden können. Darum haben wir kein Geld gescheut.“ Aber damit nicht gleich der Berliner Hotel- und Gaststättenverband aufheult, schiebt Eisinger eilig nach: „Wir misstrauen natürlich nicht den Berliner Betten.“

Ob es an der Matratze lag oder an der gesamten Form – Ariane Friedrich ist auf jeden Fall problemlos ins Hochsprung-Finale gekommen. 1,95 Meter überquerte sie, das ist für sie ja kein Problem. Die echten Probleme beginnen heute, im Finale. Es geht nicht bloß um die Goldmedaille, es geht um das Gesamtkunstwerk Ariane Friedrich.

Vor zwei Jahren kannten sie höchstens Insider, jetzt gilt sie als Zicke, als Goldhoffnung, als blondes Gesicht der deutschen Leichtathletik. Es ist alles dabei, alle Klischees sind abgedeckt. Sie ist einfach zu schnell in die Weltspitze gesprungen, um als Sympathieträgerin zu gelten. Die Fans haben noch keinen richtigen Zugang zu ihr. Die öffentliche Person Friedrich ist nach ihrem siebten Platz bei den Olympischen Spielen wüst beschimpft worden, so übel, dass sie heulen musste. Dieselbe Ariane Friedrich ist aber nach ihrem deutschen Rekord über 2,06 Meter beim Istaf hymnisch gefeiert worden.

Und jedes Mal ist der Druck auf sie gestiegen. Erst sollte sie sich rehabilitieren, jetzt soll sie die extremen Goldhoffnungen erfüllen. Sie hat diese Erwartungen selber mitgeschürt. „Ich will eine Medaille“, verkündete sie. Doch je größer diese Erwartungen wurden, desto mehr versuchte sich Ariane Friedrich diesem Druck zu entziehen. Sie kapselte sich zuletzt ab.

Aber sie musste auf Hilfe hoffen, nur mit Isolation allein konnte sie den Druck nicht verringern. Die Hilfe kam von Speerwerferin Steffi Nerius. Die hat die Sehnsucht der Fans nach einem Titel erst mal gestillt. Das verringert den Druck auf Friedrich.

Die benötigt alle Konzentration, um Blanka Vlasic in Schach zu halten. Das Duell Friedrich gegen Vlasic, Hallen-Europameisterin gegen Weltmeisterin, das ist einer der gefühlt magischen Momente dieser WM. 20 Mal sind die beiden aufeinandergetroffen, 15 Mal hat Vlasic, die Frau, die zu Hause in Kroatien als Superstar gefeiert wird, gewonnen. Aber das ist Statistik. Vier Mal sind die beiden in diesem Jahr gegeneinander gesprungen, drei Mal hat Friedrich gewonnen, auch das ist bloß Statistik. Es geht um die Psyche. Wer hat die besseren Nerven bei diesen Spielchen, die man im Kampf um Gold so treibt?

Beim Istaf hat Ariane Friedrich beim Warmspringen zwei Meter auflegen lassen. Eine fast unglaubliche Höhe. Dann ist sie diese zwei Meter sogar gesprungen – in langen Trainingshosen. Größer, provokativer kann eine Machtdemonstration nicht sein. Vlasic verlor, danach fiel ihr nur die Ausrede ein: „Ich kann nachmittags nie gut springen. Normalerweise halte ich da mein Mittagsschläfchen.“ Die Provokation hatte sie tief getroffen, das spürte man in dieser Sekunde. Sie ist jetzt nicht mehr die Alleinherrscherin, die etwas hochmütig von diesem „German girl“ reden kann. Sie ist jetzt die Hochspringerin Vlasic, die sich an den Namen der stärksten Gegnerin erinnern muss. „Miss Friedrich“ nennt sie die Deutsche, oder „Ariane“.

Ariane Friedrich registriert es mit einiger Genugtuung. Sie erhält jetzt diesen Respekt, der ihr nach ihrem Gefühl zusteht. Mehr will die 25-Jährige von der LG Eintracht Frankfurt gar nicht. Diese Rivalität mit Vlasic, die soll auf die sportliche Ebene begrenzt werden. Es soll nichts Persönliches werden. Denn mehr Energie als notwendig auf das Verhältnis zu der Kroatin aufzuwenden wäre reine Kraftverschwendung. Sie hat ohnehin Dinge, die sie vom Sport ablenken. Diese PR-Geschichte zum Beispiel. Das WM-Organisationskomitee des Deutschen Leichtathletik-Verbands hat 17 Athleten ausgesucht und sie zu Gesichtern der WM ernannt. 17! Da ärgert sich Eisinger maßlos; das sind viel zu viele, so viele Stars habe die deutsche Leichtathletik doch gar nicht. Ein paar höchstens, Ariane Friedrich gehört natürlich dazu. Als die Aktion vorgestellt wurde, da fehlte die Weltklasse-Hochspringerin. „Zum Händeschütteln“ stehe sie nicht zur Verfügung, ließ sie wissen.

Dass sie sich damit nicht beliebter macht, dass sie damit eher noch das Bild der Zicke zeichnet, das weiß die Kommissar-Anwärterin auch. Andererseits lässt sie sich so wenig wie möglich vereinnahmen. Von den Fans sowieso nicht. „Es ist schön, wenn die Nation hinter mir steht“, sagt sie. „Aber ich springe und kämpfe für mich. Ich verliere auch für mich.“ Das ist natürlich auch eine Art Selbstschutz, eine fast schon hilflose Form, den Druck zu mildern.

Es ist aber auch ein wenig die reine Wahrheit.

Hochsprung der Frauen, 19.10 Uhr, live im ZDF.

WORAUF ES ANKOMMT

Eine Schlüsselstelle beim Hochsprung liegt schon weit vor der Latte: beim Anlauf. Wenn man zu nahe an die Latte läuft, dann reißt man sie beim Aufsteigen. Ist man zu weit weg, dann fällt sie, wenn man abtaucht. Die Athleten müssen aufpassen, ob sie Rücken- oder Gegenwind haben. Sonst verpassen sie den optimalen Absprungpunkt. Wichtig ist ein sauberer U-förmiger Anlauf, mit dem man auf die Latte zusteuert. Beim Absprung müssen die Sportler möglichst kompakt bleiben. Die Fußspitze zeigt in einem Winkel von 30 Grad zur Matte. Wenn dieser Winkel zu groß oder zu klein ist, besteht die Gefahr, dass man umknickt. Beim Sprung muss man darauf achten, dass sich die Beine rechtzeitig von der Latte lösen, sonst reißt man ebenfalls. Und man muss im richtigen Moment die Hüfte hochziehen. Sonst fliegt die Latte. fmb

„Es ist schön, wenn die Nation hinter mir steht“, sagt sie. „Aber ich springe für mich.“

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