Sport : Arm aber einfallsreich

Energie Cottbus versucht mit wenig Geld viel zu erreichen – und findet den Torjäger Vlad Munteanu

Karsten Doneck

Berlin - Sielow, ehemals ein Bauerndorf, expandiert. Immer neue Häuser werden dort gebaut, immer mehr Menschen ziehen in die Siedlung, nur rund fünf Kilometer von der Cottbuser Innenstadt entfernt. Auch Sergiu Radu hat jüngst einen neuen Nachbarn bekommen, einen Berufskollegen. Vlad Munteanu ist nebenan eingezogen. Beide sind Rumänen. Vermittelt wurde ihnen die Immobilie vom Arbeitgeber, dem Fußball-Bundesligisten FC Energie Cottbus. Der versucht durch solche Maßnahmen, seinen neu hinzugeholten Profis das Einleben in neuer Umgebung zu erleichtern. Bei Munteanu ging die Integration überwältigend schnell: Der 25-Jährige ist mit fünf Treffern derzeit erfolgreichster Torschütze der Bundesliga – zusammen mit Marko Pantelic von Hertha BSC. Beide treffen heute mit ihren Mannschaften im Cottbuser Stadion der Freundschaft im direkten Duell aufeinander.

Torjäger haben ihren Preis. Und der kann recht unterschiedlich sein. Für Pantelic löhnte Hertha unlängst rund 1,5 Millionen Euro für einen Vertrag bis 2009. Bis dahin verpflichtete der FC Energie auch Munteanu, allerdings für nur 200 000 Euro. Die Cottbuser haben sich nach dem Aufstieg ohnehin nur einen teureren Transfer gegönnt. Um Jiayi Shao von 1860 München loszueisen, zahlte der Klub 250 000 Euro.

Transfers in Cottbus unterliegen einem strikten Sparzwang. Kaum hatte Ulrich Lepsch am 31. Juli das Präsidentenamt bei Energie übernommen, da machte er auch schon eine einschneidende Vorgabe für die Einkaufspolitik. „Wir werden in erster Linie nur solche Spieler holen, die ablösefrei sind“, sagte er. In bescheidenem Umfang musste der FC Energie dann doch in die Kasse greifen, was aber nichts daran ändert, dass sie in Cottbus so ein bisschen das Aldi-Prinzip beherzigen: billig, aber gut. Ein Etat von 19,7 Millionen Euro, der niedrigste aller 18 Bundesligisten, lässt eben keine großen Transfers zu. „Fehleinkäufe können wir uns nicht leisten“, sagt Trainer Petrik Sander.

Energie Cottbus – dieser Verein kommt wie der real existierende Gegenentwurf zum sonstigen Gigantismus der Bundesliga daher. Wie ein Witz mutet es da an, dass die einwohnermäßig kleinste Bundesligastadt nach Wolfsburg – in Cottbus leben circa 126 000 Menschen – ihren Vorzeigefußballern auch den kleinsten Trainingsplatz der Liga zur Verfügung stellt: Er ist 20 Meter zu kurz, in der Länge wie in der Breite. Doch die Cottbuser Stadtverordneten zeigen Einsicht, sie haben in dieser Woche beschlossen, das Trainingsgelände im Elias-Park, 1995 noch Teil der Bundesgartenschau, auf normale Spielfeldmaße auszubauen und sogar mit einer Rasenheizung zu versehen. Noch in diesem Jahr soll der Plan umgesetzt werden.

Widrige äußere Umstände verleiten Petrik Sander zwar hin und wieder zu Äußerungen gegen die Verantwortlichen in der Politik, wecken in ihm aber auch Kampfeslust. In Anlehnung an Asterix und Obelix sagt er: „Wir fühlen uns so ein bisschen wie das kleine gallische Dorf.“ Manager Steffen Heidrich berichtet von Leuten, die das, was da in Cottbus passiert, „für ein modernes Fußballmärchen“ halten.

Solange dem FC Energie Transfers gelingen wie der von Vlad Munteanu, der im linken Mittelfeld spielt, bekommt dieses Märchen durchaus reale Züge. „Das ist ein ganz bescheidener, intelligenter Junge“, lobt Heidrich, „der hat sogar im Selbststudium ganz schnell Deutsch gelernt.“ Als Torjäger wurde Munteanu eigentlich gar nicht verpflichtet. Für Dinamo Bukarest hatte er bei 77 Einsätzen gerade mal acht Tore erzielt.

Es soll schon, bestätigt der Manager, lose Anfragen anderer Klubs für Munteanu geben. „Unverkäuflich“, hat Heidrich da geantwortet. Und er erzählt: „Ich habe mal gesagt, bei fünf Millionen Euro liegt unsere Schmerzgrenze, aber das war nur so im Spaß.“ Über Beträge von fünf Millionen redet man beim FC Energie offenbar nur im Scherz.

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