Sport : Arme Millionäre

Die Los Angeles Lakers haben dem neuen NBA-Champion Detroit Pistons nichts entgegenzusetzen

Matthias B. Krause[New York]

Die Gesichtsmuskeln hingen die vollen 48 Minuten Spielzeit regungslos und völlig erschlafft herunter. Auch in den Pausen verzog Shaquille O’Neal keine Miene, es sah aus, als sei ihm der Aufwand dafür einfach zu groß. Völlig entkräftet, demoralisiert und verbittert schlich der Star der Los Angeles Lakers schließlich in die Kabine, als um ihn herum die Hölle losbrach. 100:87 gewannen die Detroit Pistons das fünfte Finalspiel in der nordamerikanischen Basketballliga NBA. Die „Best-of- seven“-Serie entschied Detroit damit mit 4:1 für sich. Es ist der erste Titel für das Team aus Michigan seit 1990 und aller Voraussicht nach das Ende der Lakers-Ära,in der O’Neal und Kobe Bryant gemeinsam drei Meisterschaften gewannen.

„R-e-s-p-e-c-t“, titelte die Sonderbeilage, die die Lokalzeitung „Detroit Free Press“ Sekunden nach dem Schlusspfiff in der Arena verteilte. Diesen Anspruch kann dem Team von Headcoach Larry Brown wirklich niemand verwehren: Es war als die beste Defensiv-Mannschaft in das Finale gekommen. Es spielte nicht wie eine zufällige Ansammlung von egoistischen Multimillionären. Es war hungrig. Und trotzdem waren die Spieler vorher nur die anderen Jungs gewesen, die von den Lakers aus dem Weg geräumt werden würden. Am Ende musste man fast würfeln, um die Trophäe für den wertvollsten Spieler dieser Finalserie zu verteilen. Die Wahl fiel auf Detroits Spielgestalter Chauncey Billups, doch eigentlich hätte sie praktisch jeder bei den Pistons verdient gehabt – und niemand bei den Lakers.

Dabei schien das Team mit seiner in der Geschichte der NBA einmaligen Ansammlung von Ausnahmekönnern für den vierten Titel in fünf Jahren programmiert zu sein. Gary Payton und Karl Malone waren in die Stadt gekommen, um ihre großen Karrieren mit einem Meisterschaftsring zu krönen. Doch dann brach alles auseinander. Gegen Bryant lief während der gesamten Saison in Colorado ein Verfahren wegen Vergewaltigung. Malone, 41, verpasste die halbe Saison mit einer Knieverletzung, saß auch im letzten Spiel nur auf der Bank. Payton fühlte sich in Coach Phil Jacksons Triangle-Offensive verloren und begann zu schmollen. O’Neal schließlich, dieses Naturwunder aus Muskeln und Schnelligkeit, stieß in Ben Wallace auf einen, der ihn körperlich und mental auslaugte.

In Hollywood werden Stars geboren – und gnadenlos vernichtet. „Das Team, das Basketball-Geschichte schreiben sollte, tat das in der Tat am Dienstag“, kommentierte die „Los Angeles Times“. „Verflucht für immer als Symbol für alles, das falsch ist im professionellen Sport. Ein Musterbeispiel für das Scheitern und die Gefahr des Egoismus.“ Lakers-Flügelspieler Rick Fox drückte es etwas weniger pathetisch aus: „Eine Mannschaft gewinnt immer gegen eine Gruppe von Individualisten. Wir haben uns eine schlechte Zeit ausgesucht, um eine Gruppe von Individualisten zu sein.“

Fox dürfte in ein paar Tagen das Ende seiner Basketball-Karriere verkünden, gleiches wird von Malone erwartet. Insgesamt neun Lakers haben keinen Vertrag mehr oder können aus ihm heraus, so wie es Bryant schon angekündigt hat. Er könnte deshalb trotzdem zu neuen finanziellen Bedingungen bei den Lakers bleiben. Doch viele glauben, dass er stattdessen zu den benachbarten Clippers geht oder nach New York, will er doch endlich dem Schatten O’Neals entfliehen. Phil Jackson deutete an, es sei unwahrscheinlich, dass er auf die Trainerbank zurückkehrt. Und selbst O’Neal, der noch für ein Jahr unter Vertrag steht, denkt darüber nach, einen Verkauf zu verlangen. „Es wird ein komischer Sommer“, sagte er in der Kabine. „Jeder wird sich um sich selbst kümmern und tun, was am besten für ihn ist. Ich tue immer, was am besten für mich ist.“ Ganz so, als sei er nicht gerade ein Paradebeispiel dafür gewesen, dass das zwar reich, aber nicht unbedingt erfolgreich macht.

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