Sport : Armer, reicher Bruder

Ein Dokumentarfilm zeigt, gegen welche Widerstände sich ein Boxer aus Kamerun in Berlin durchschlägt

Eva Kalwa
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Fern der Heimat. Bernard Donfack trainiert in Hellersdorf für seine Chance auf ein besseres Leben. Foto: HeerdeDavid Heerde

Berlin - Entweder Bernard Donfack sieht sich selbst, wie er schattenboxend mit schnellen, kraftvollen Schritten einen unsichtbaren Gegner durch den Trainingsring jagt. Oder der gebürtige Kameruner fokussiert nicht sein Spiegelbild, sondern die Umgebung vor den großen Fenstern des Boxstudios. Dann hat der 29-Jährige eine im grauen Novemberlicht trostlose Hellersdorfer Plattenbausiedlung vor Augen. Wie so oft im Leben kommt es auf die Perspektive an. Und Donfack hat sich von Beginn an für den Blickwinkel des Gewinners entschieden: „Egal, was ich tue, ich bin kein Verlierer“ sagt er am Ende des preisgekrönten Dokumentarfilms „Rich Brother“, der in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.10 Uhr in der ZDF-Reihe „100 % Leben“ ausgestrahlt wird.

Die Regisseurin des Films, Insa Onken, hatte Donfack 2005 beim Joggen im Jahnsportpark kennengelernt, sich mit ihm angefreundet und ihn dann zwei Jahre mit der Kamera begleitet. Die 34-Jährige zeigt Donfack bei seinen Versuchen, in Deutschland und in der dubiosen Welt kleiner Profibox-Veranstaltungen Fuß zu fassen und zugleich den hohen Ansprüchen seiner Eltern und vielen Geschwister in Kamerun zu genügen. Deren Europabild ist von Medien geprägt, die den Kontinent als eine Art Karriere- und Konsumschlaraffenland zeigen. Und daher erwartet die Familie von dem Jungen, den sie 2002 nach Europa geschickt hat, viel Geld und Ehre. Wie es in Deutschland und in Donfack tatsächlich aussieht, interessiert seine Familie kaum. Sie ahnt nichts davon, dass er nach seiner Ankunft in Deutschland drei Monate in einem Keller schlafen und sich von Supermarktabfällen ernähren musste. Oder dass es aussichtslos ist, als Asylant eine Arbeit zu finden. „Deshalb fing ich an, Gewichte zu stemmen. Das Boxen sollte ein Ausweg sein, denn dafür brauchte ich keine Arbeitserlaubnis“, sagt Donfack nach seinem abendlichen Training in der Kampfsportschule Hellersdorf in flüssigem Deutsch und mit einem leichten Lächeln.

Es ist dieses Lächeln, das so berührt und das auch oft im Film auftaucht. Vor allem in Situationen, wo Donfack dem Wohlwollen anderer ausgeliefert ist: Es ist das Lächeln eines Menschen, der täglich um seine Würde und Integrität kämpft und zu intelligent und sich selbst gegenüber zu aufrichtig ist, um nicht zu merken, dass er von vielen Seiten ausgenutzt wird. Da sind zwielichtige Box-Veranstalter, die das versprochene Preisgeld – 100 Euro pro Runde sind bei den kleineren Rahmenkämpfen üblich – nicht zahlen. Und da sind Trainer, die zu schwach und ängstlich sind, um den schwarzen Sportler vor dem Rassismus zu schützen, dem er oft, nur mäßig kaschiert, begegnet. Andere Trainer scheinen Donfack noch nicht mal selbst Sympathie entgegen zu bringen wie Werner Papke – im April 2008 in 49 Fällen sexuellen Missbrauchs vom Berliner Landgericht schuldig gesprochen –, der den leisen Einwand Donfacks, man möge seine Hände vor dem Kampf nicht zu fest bandagieren, mit einem Schwall wüster Beschimpfungen beantwortet.

Trotz aller Hemmnisse und Erniedrigungen kämpft Donfack weiter und will sich dabei nicht wie viele mittel- und namenlose Nachwuchs-Profiboxer zu „Fallobst“ machen lassen: Der Begriff umschreibt die im Profiboxen gängige Praxis, Boxer bei Kämpfen, die dem Aufbau eines Gegners dienen, fürs Verlieren zu bezahlen. Andere Berliner Boxer – die bisweilen eine Bilanz von sechs gewonnenen und 52 verlorenen Kämpfen vorweisen – sind in der Szene dafür bekannt, als Aufbaugegner ihr Geld zu verdienen. „Ich habe lieber nichts zu essen, bevor ich so etwas mache“, sagt Donfack. Seine Bilanz: 14 Kämpfe gewonnen, sieben verloren, seit acht Kämpfen ist er ungeschlagen und zurzeit der 96. der Weltrangliste im Supermittelgewicht.

Sogar zwei Weltmeistertitel hat er inne, allerdings von zwei Boxverbänden, die zu den sogenannten „alphabet boys“ unter den über 25 existierenden Weltverbänden gehören. „Um so einen Verband zu gründen, sagt man, sei es nur nötig, drei Buchstaben aneinanderzuhängen“, erklärt der Berliner Autor und Boxsportfan Knud Kohr den Slang-Ausdruck.

Donfack will mehr. In Detlef Kumm wünscht er sich jetzt endlich einen Trainer gefunden zu haben, der wirklich an ihn glaubt und ihn tatkräftig unterstützt. Parallel zum täglichen Training macht Donfack zurzeit eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Nicht zuletzt, um ein zweites Standbein zu haben, falls die erhofften Anfragen von Sponsoren ausbleiben – was nach Einschätzung von Insidern der Szene bei einem Weltranglistenplatz jenseits der 20 wahrscheinlich ist. Doch Boxer und Trainer sind optimistisch: „Ben hat ein großes Herz, Grips und viel Potenzial“, sagt Kumm. Und sein Schützling zeigt sein intelligentes, warmes Lächeln dazu: „Ich brauche keine Million, ich will bloß eine Chance.“

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