Sport : Armin Hary: 40 Jahre und kein bisschen schneller

Johannes Taubert

Das Ganze liegt jetzt schon mehr als 40 Jahre zurück. Am 21. Juni 1960 trat im Züricher Letzigrund ein junger Mann aus dem Saarland zu einem 100-Meter-Lauf an. Im Ziel starrten die Zeitnehmer auf ihre Stoppuhren, und sie glaubten est einmal gar nicht, was sie da sahen. 10,0 Sekunden wiesen ihre Zifferblätter aus.

Und weil das so schnell war wie noch nie vorher auf der Welt, machten die Zeitnehmer etwas eigentlich Skandalöses. Sie glaubten ihren Uhren nicht, sie zweifelten dem Läufer gegenüber an, dass es bei diesem Lauf mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Sie erkannten die Leistung nicht an. Weltrekord ade.

Der junge Mann hieß Armin Hary, und zur Verblüffung aller fuhr er überhaupt nicht wütend und enttäuscht nach Hause, sondern er verlangte eine Wiederholung und trat nach kurzer Erholungspause gleich noch einmal an. Die Zeitmesser stoppten wieder bei genau zehn Sekunden. Weltrekord im zweiten Anlauf. Im gleichen Jahr holte sich Armin Hary bei den Olympischen Spielen in Rom auch noch die Goldmedaille über 100 Meter. In 10,2.

Nun, 40 Jahre später, treten wieder Sprinter bei Olympischen Spielen an und ermitteln den schnellsten Mann der Welt. Der Weltrekord steht nunmehr bei offiziellen 9,79 Sekunden. Der Weltrekordler heißt Maurice Greene, und er kommt nicht aus dem Saarland, sondern aus den Vereinigten Staaten. Aber wird dieser Maurice Greene denn heute Abend wirklich schneller sein, als es Armin Hary war? Damals, vor vierzig Jahren im Züricher Letzigrund?

Mit schlabbriger Baumwoll-Turnhose und luftigem Leibchen rannte Armin Hary damals über eine wenig griffige Aschenbahn. An seinen Füßen trug er grobe Nagelschuhe, mit denen man heute jede Tartanbahn perforieren würde. Die Stars von Sydney tragen Rennanzüge mit Fasern, deren Existenz unter anderem der Weltraumforschung zu verdanken ist. Der neueste Schuh aus den Labors von Nike wiegt gerade mal 136 Gramm und hält kaum vom Vorlauf bis ins Finale. Gebaut in Maßarbeit für die Füße der Johnsons und Greenes. Sie rennen über eine Tartanbahn, die an sich schon mehr Beschleunigung ermöglicht als rote Asche.

Rechnerisch bleibt die Sache natürlich einfach. 9,79 Sekunden sind schneller als 10,0, zumal sie damals noch handgestoppt wurden.

Doch vergleicht man die Bedingungen und Ausstattung von Maurice Greene und Armin Hary, so kann es gut sein, dass bislang noch keiner wirklich schneller war als Hary. Beweisen können wir das natürlich nicht. Aber die 9,79 Sekunden sind eben auch kein Beweis. Möglicherweise sind die Sprinter also, relativ gesehen, seit 40 Jahren nicht von der Stelle gekommen. Und das ist doch, bei all der Bedeutung, die High Tech und wissenschaftlichem Fortschritt auch im Sport zugemessen wird, ein sympathischer Gedanke.

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