Sport : Arminia Bielefeld: Auf der Alm mobben die Fans

Felix Meininghaus

Benno Möhlmann führt ein aufwändiges Leben. Nicht nur, weil er als Fußballtrainer ständigem Erfolgsdruck ausgesetzt ist, sondern auch, weil er neben dem beruflichen Stress auch noch seiner Frau und den vier Kindern in Bremen gerecht werden muss. Der Ex-Profi von Werder Bremen und dem Hamburger SV hat sein Betätigungsfeld unter anderem von Fürth nach Bielefeld verlegt, um näher bei seiner Familie sein zu können. Bei seinem Ausstieg in Fürth gab Möhlmann als Grund für den Wechsel des Arbeitsplatzes jedoch auch an, er habe "keine Lust mehr, mich nach jeder Niederlage in Frage stellen zu lassen". Diese Aussage dürfte an westfälischen Stammtischen für manchen Heiterkeitsausbruch gesorgt haben, denn einiges deutet darauf hin, als sei Arminia Bielefelds neuer Trainer vom Regen in die Traufe gekommen.

Die Fans beim Bundesliga-Absteiger haben sich zuletzt den Ruf als Mobbing-Experten des deutschen Fußballs erworben. Möhlmanns Vorgänger Hermann Gerland bearbeiteten sie verbal so lange, bis er nicht mehr zu halten war. Torwart Goran Curko rastete nach Unmutsbekundungen der Arminia-Fans beim Heimspiel gegen Mannheim aus und stürmte mitten im Spiel entnervt vom Platz. Ein im deutschen Profifußball einmaliger Vorgang, der zur Entlassung des Jugoslawen führte. Von Heimvorteil kann auf der Alm keine Rede mehr sein. Im Gegenteil: Der "Kicker" titelte von der "Angst vor den Fans".

Eine solche Entwicklung ausgerechnet in Bielefeld - das ist erstaunlich. Über viele Jahre hinweg ertrugen die Anhänger der Arminia ihre Fahrstuhlreise zwischen Oberliga und Erster Bundesliga mit einer fatalistischen Grundstimmung aus gebrochener Verzweiflung und spielerischer Ironie. "Wir haben eigentlich immer still vor uns hingelitten", sagt Christian Venghaus. So richtig erklären kann der 28-jährige Fanbeauftragte des Vereins den Stimmungswechsel nicht. Denn es änderte sich an der Grundhaltung der Fans selbst in der vergangenen Katastrophensaison nichts, als Bielefeld mit zehn Niederlagen in Folge den Bundesligarekord einstellte. Der Frust über die Negativserie sitzt tief, sagt Venghaus, "wer will sich schon auf einer Ebene mit Tasmania Berlin bewegen".

Nun ist der Ausbruch mit Verzögerung erfolgt: "Irgendwann ist der Vulkan explodiert", sagt Venghaus. Dass das Klima beim Zweitligisten derzeit so vergiftet ist, hat für Manager Heribert Bruchhagen auch mit dem Treiben der Fangruppierung Almauftrieb zu tun, die Bruchhagen als "fundamental-oppositionelle Gruppe" einstuft. "Das sind Leute, die auf die Alm gehen und gegen alles sind." Die Bielefelder Studentenverbindung - so die Vorwürfe - habe mit dem Verteilen von Flugblättern und ihrer Internet-Homepage seit Monaten miese Stimmung gemacht und versucht, den Vorstand zu stürzen.

Studentenrevolte in Westfalen? Unterwandern die Nachfolger der 68er-Generation etwa als Fußballfans getarnt die Alm? Eine solche Vorstellung mutet ziemlich abstrus an, doch Bruchhagen vermutet hinter den Aktionen konkrete Machtinteressen: "Die wollen hier Ämter im Marketingbereich, vielleicht auch meinen Platz. Die Stimmung ist ganz schön vergiftet worden." Inzwischen hat Arminias Präsident Hans-Hermann Schwick zu einem "atmosphärischen Neubeginn" aufgerufen. Vor einer Woche traf sich die Vereinsführung mit 120 Fanvertretern zu einem Friedensgipfel. Doch angesichts des mageren 0:0 am Freitag gegen den Tabellenvorletzten Stuttgarter Kickers und der trostlosen Minuskulisse von 7605 Zuschauern auf der Alm beschlichen Venghaus Zweifel, ob die guten Vorsätze bald in die Tat umgesetzt werden können: "Es wird noch einige Zeit dauern, die Fans wieder für die Arminia zu gewinnen."

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