Armstrong-Biograf Daniel Coyle : "Er möchte den Film zurückspulen"

Daniel Coyle schrieb 2005 mit "Lance Armstrongs Kreuzzug" die einzige kritische und unabhängige Armstrong-Biografie auf dem amerikanischen Markt. Im Interview spricht Coyle über das Comeback.

Herr Coyle, wie beurteilen Sie das Comeback von Lance Armstrong?

Ich glaube, er möchte seine Geschichte neu schreiben, den Film zurückspulen. Er ist sehr frustriert darüber, wie er in letzter Zeit dargestellt wurde. Die Boulevard-Geschichten über seine Affären haben die Schlagzeilen beherrscht, seine Tour- Siege und der Sieg über den Krebs gerieten immer mehr in Vergessenheit.

Wurde in den USA auch mehr über Doping im Zusammenhang mit Armstrong gesprochen?

Das kam hinzu. Im Zuge der Dopingskandale im Baseball wurde oft sein Name genannt. Und jedes Mal, wenn in den vergangenen Jahren im Radsport etwas passierte, ist auch über ihn gesprochen worden. Schauen Sie sich doch jetzt die Berichterstattung an. Selbst die große Comeback-Geschichte zu Armstrong in der New York Times drehte sich um Doping.

Hat sich das Bild des durchschnittlichen Amerikaners von Armstrong verändert?

Das kann ich schwer beurteilen. Ich bin mir aber sicher, dass es an ihm selbst sehr genagt hat. Deshalb will er jetzt unbedingt beweisen, dass er sauber siegen kann.

Armstrong behauptet aber, er trete wieder an, weil er mehr Aufmerksamkeit für den Kampf gegen den Krebs erzeugen will?

Sicher hat alles, was er tut, etwas mit dem Kampf gegen den Krebs zu tun. Ich glaube aber nicht, dass das im Kern seine Motivation ist.

Sondern?

Er liebt den Kampf, er braucht den Kampf, er braucht die Herausforderung. Und wenn es gerade keine gibt, dann sucht er sich eine. Je mehr Kritiker und Skeptiker es gibt, desto motivierter ist er.

In Europa hat er sehr viele Kritiker. Liebt er die Provokation, motiviert ihn das?

Auf jeden Fall. Für ihn ist das wie ein rotes Tuch für einen Stier.

Glauben Sie, dass er eine Chance hat, wieder zu gewinnen?

Armstrong hat im Radsport den Vorteil, dass man den Leistungsstand mit genauen Daten ermitteln kann. Ich bin mir sicher, dass er genau weiß, wo er jetzt steht, und dass er dieses Projekt nicht in Angriff nehmen würde, wenn er nicht das Gefühl hätte, eine Chance zu haben. Bei der letzten Tour waren die Topfahrer deutlich schwächer als Armstrong in seinen besten Tagen. Ich bin mir sicher, das hat bei seiner Entscheidung eine Rolle gespielt.

Wie soll die Armstrong-Geschichte weitergehen – er kann ja nicht ewig die Tour de France fahren?

Ich habe im Scherz gesagt, dass er 2016 Präsident der USA wird. Ehrlich gesagt, halte ich das gar nicht für ganz unwahrscheinlich. Er hat ja schon angekündigt, dass er irgendwann für den Posten des Gouverneurs von Texas kandidieren will. In der Politik würde er genau die gleiche Art von Kampf und Reibung finden wie im Sport. Das wäre ideal für ihn.

Das Gespräch führte Sebastian Moll.


Daniel Coyle schrieb 2005 das Buch „Lance Armstrongs Kreuzzug“. Es ist die einzige kritische und unabhängige Armstrong-Biografie auf dem amerikanischen Markt.

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