Sport : „Arne ist ein Stier“

Das EM-Silber von 5000-Meter-Läufer Gabius hat viel mit Ex-Trainer Dieter Baumann zu tun.

Foto: dapd
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Helsinki - Am Ende liefen sie nebeneinander, strahlend, glücklich, mit ausgebreiteten Armen ihre jeweiligen Landesfahnen durch die Luft von Helsinki wedelnd. Auf der Außenbahn trabte Mo Farah, der Brite, der Mann, der souverän Europameister über 5000 Meter geworden war. Eine Bahn daneben trabte Arne Gabius, der Deutsche, der Arzt aus Tübingen, der ebenso souverän die Silbermedaille geholt hatte.

Für Farah war es eine Ehrenrunde, die ihm natürlich gefiel, die aber auch etwas von Pflichtübung hatte. Farah ist Doppel-Europameister von 2010, er lief hier als Favorit, kaum jemand zweifelte an seinem Sieg bei der Leichtathletik-EM in Helsinki. Aber für Arne Gabius war diese Ehrenrunde „der Wahnsinn“. Dass er mit 31 Jahren sein erstes internationales Edelmetall gewonnen hat, das war natürlich auch „der Wahnsinn“.

Gabius trat als Nummer zwei der diesjährigen europäischen Bestenliste und als deutscher Meister 2012 an, „aber das Rennen ist ja doch etwas anderes“, sagte Gabius selbst. Etwas anderes als Zahlen und Statistiken. Man muss die Nerven behalten, man muss vor dem Endspurt die Lücken im Feld erkennen. Alles nicht so einfach. Gabius rannte 13:31,83 Minuten, eine Weltklassezeit ist das nicht, aber die Deutschen haben endlich wieder einen Langstreckenläufer, der zumindest auf europäischer Ebene gut mithalten kann. Und das hat viel mit seinem Vorgänger, Vorbild und langjährigen Trainer Dieter Baumann zu tun.

Gabius war elf Jahre alt, als Baumann 1992 mit einem unwiderstehlichen Endspurt 5000-Meter-Olympiasieger wurde. Viele Jahre später hatte Baumann als Trainer den Langstreckenläufer Gabius als Athleten übernommen. 2011 trennte sich Baumann von Gabius, er war wohl mit dessen Trainingseinstellung nicht richtig einverstanden. Seither ist Gabius ohne Coach, er betreut sich selber, und er hat sich enorm entwickelt.

„Er hat sich von mir emanzipiert. Er ist jetzt das, was ich mir vorstelle: ein selbstbewusster, selbstständiger Athlet, der mit offenen Augen durch die Welt geht“, sagte Baumann in einem dpa-Interview. Auch Farah, der zeitweise mit Gabius in den USA trainiert hatte, sagte: „Er war lange in Kenia und hat hart trainiert.“

Gabius orientiert sich jetzt an Fahras Motto: „Laufen, schlafen, essen.“ In seinem praktischen Jahr als Medizinstudent mit bis zu zehn Stunden täglich im Krankenhaus spulte Gabius morgens um fünf mit der Stirnlampe Kilometer ab. Damit laugte er sich aber auch aus. Jetzt ist der Vegetarier Vollprofi.

Er weiß aber auch, was er Baumann verdankt. „Ohne sein Training wäre das nie zustande gekommen“, sagte Gabius. „Er war vielleicht ein bisschen enttäuscht. Ich war nie ein richtiger Athlet für ihn, jetzt komme ich dem schon sehr nahe.“ Die Trennung habe ihr Verhältnis nicht getrübt, sagen beide. Die Glückwunsch-SMS aus Tübingen kam noch am Mittwochabend. „Es wäre nicht gut für ihn gewesen, wenn ich ihn noch länger trainiert hätte“, sagte Baumann. „Er musste den nächsten Schritt gehen.“

Gabius wälzt jetzt keine Medizinbücher mehr, sondern Trainingspläne. Er hat sich nicht nur bei den Kenianern viel abgeschaut, sondern auch von den US-Amerikanern. Er macht jetzt mehr Qualität als Quantität. Dazu gehört auch eine bessere Regeneration: „Vielleicht hat ihm das gefehlt: dass er mal schläft, dass er sich erholt“, sagte Baumann. „Und er ist nie verletzt, nie krank. Ein Stier!“

Bei den Olympischen Spielen in London möchte Arne Gabius erst mal nur ins Finale kommen. Vorher geht er noch in die Höhe nach St. Moritz. „Die Freude wird sicher noch so lange anhalten“, sagte er. „Ich blüh’ ja jetzt erst richtig auf.“ Tsp

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