Sport : Arsenal geht, Feindschaft bleibt

Ein Tottenham-Fan freut sich auf das letzte Nordlondoner Derby in Highbury

Mark Perryman[London]

Heute ist der Tag des letzten echten Derbys. Ein letztes Mal Arsenal gegen Tottenham in Highbury, das war es dann. Arsenal geht einfach weg. Bleibt zwar im Norden Londons, nur ein paar Minuten Fußweg entfernt, entschwindet aber in eine völlig andere Dimension. Von der kommenden Saison an wird der FC Arsenal in seiner neuen Arena am Ashburton Grove spielen, dem teuersten Stadion Großbritanniens. 60 000 Zuschauer wird Arsenals neue Heimat fassen und nach einer Fluggesellschaft „The Emirates Stadium“ heißen. Wir Fans von Tottenham Hotspur bleiben an der White Hart Lane.

Seit 1913 pflegen wir eine intensive Rivalität mit dem FC Arsenal. Damals gab der Klub sein Domizil im Süden Londons auf und zog nach Highbury in den Norden der Stadt – nur drei Meilen von unserem Stadion entfernt. Heute spielt die geografische Komponente keine so große Rolle mehr, denn wenige Anhänger wohnen wirklich neben den Stadien. Wir, die Fans der Spurs, kommen aus Tottenham und Edmonton, während viele Anhänger von Arsenal in der Gegend um Finsbury Park und im Stadtteil Hackney wohnen. Vor allem aber kommen viele Fans aus den Vorstädten.

Bedeutender für die besondere Rivalität ist die Entwicklung beider Klubs in der jüngsten Zeit. Bis in die späten Achtzigerjahre bewegten sich beide Vereine auf einem ähnlichen Level, doch dann wurde Arsenal 1989 und 1991 Meister, 1993 Pokalsieger und ein Jahr später Europapokalsieger. Mit Trainer Arsène Wenger ging die Erfolgsgeschichte dann weiter.

Fortan mussten sich die erfolgloseren Spurs als „kleiner Klub in der Nähe von Highbury“ bezeichnen lassen. Die Spurs kämpften oft gegen Abstieg und Mittelmäßigkeit, zwei Mal kamen sie ins Pokal-Halbfinale – und schieden gegen Arsenal aus. Was all dies noch schlimmer machte: Arsenal spielte nun guten Fußball. Früher konnten wir den schmucklosen, schematischen Stil wenigstens als „boring, boring, Arsenal“ verspotten.

Unter Wenger allerdings war nichts mehr langweilig. Mit Spielern wie Wright, Viera, Bergkamp, Petit und Overmars und später Henry brachte er eine aufregende Spielkultur nach Highbury. Wenger war dabei, alle Gründe, für die man Arsenal hassen konnte, verschwinden zu lassen. Doch trotz des Erfolgs in der Champions League schlägt dem Verein in England Misstrauen entgegen. Eine von einem Franzosen betreute Mannschaft, in deren Startaufstellung oft nicht ein einziger englischer Spieler steht, ist eine entwurzelte Mannschaft. Wir sehen uns auf dem moralischen Feld als Sieger – beim letzten Länderspiel gegen Uruguay standen fünf Spurs auf dem Feld. Als Tabellenvierter haben wir außerdem momentan vier Punkte Vorsprung auf unseren härtesten Ligarivalen. Nach dem letzten Derby in Highbury werden wir auf jeden Fall vor Arsenal stehen.

Aber selbst der vierte Platz könnte uns am Ende nicht zur herbeigesehnten Champions League genügen. Nämlich dann, wenn Arsenal die Champions League gewinnt und wir unseren Qualifikationsplatz abtreten müssen. Das wäre der absolute Horror für uns – es würde uns aber dabei helfen, die Feindschaft zu Arsenal auch in das neue Stadion mitzunehmen.

Der Autor ist einer der Organisatoren der englischen Fanklubs für die WM 2006 und hat seit 1991 eine Dauerkarte bei Tottenham Hotspur. Übersetzung aus dem Englischen von Claus Vetter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben