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Neuling gegen Routinier

Haile Gebrselassie fordert bei seinem ersten Start in Berlin Sammy Korir heraus, der die Strecke sehr gut kennt
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Berlin - Sie hätten gerne die Strecke mit ihm abgefahren. Aber Haile Gebrselassie lachte nur und sagte: „Nicht nötig.“ Dann doch wenigstens ein Video von der Strecke, aufschlussreiche Aufnahmen über die ganzen 42,195 Kilometer? Da lachte Gebrselassie wieder und sagte: „Nein.“ Eine weitere Erklärung ersparte er sich. An diesem Punkt gab Mark Milde, der Renndirektor des Berlin-Marathon, auf. Wenn Gebrselassie nicht will, okay, sein Problem. Obwohl, seltsam findet das Milde ja schon. Schließlich ist der Äthiopier, zweifacher Olympiasieger über 10 000 Meter, erst drei Marathons gelaufen. Und den letzten, in London im April, hat er in den Sand gesetzt. Neunter Platz in 2:09,20 Stunden, berühmt war das nicht.

„Vielleicht nimmt er die Strecke zu locker“, sagt Milde. Das wäre fatal. Denn Gebrselassie läuft ja nicht bloß gegen die Zeit. Er will Weltbestzeit, er will die 2:04,55 Stunden von Paul Tergat, dem Kenianer, unterbieten. Aber Gebrselassie, der 33-jährige Äthiopier, läuft vor allem gegen Sammy Korir. Der ist 2003 in Berlin eine Sekunde nach Tergats Rekordlauf durchs Ziel gekommen. Seither steht für den Kenianer die zweitbeste Marathonzeit, die jemals auf der Welt erreicht wurde. „Der ist ein absoluter Marathon-Spezialist“, sagt Milde. „Der ist sieben- oder achtmal schon unter 2:06 Stunden gelaufen. Und er kennt die Strecke sehr gut.“ Berlin hat, anders als Boston, keine Anstiege, deshalb hat Korir keine handfesten Vorteile aufgrund seiner Ortskenntnisse, der Vorteil „liegt eher im mentalen Bereich“, sagt Milde. Und mental gesehen, kann Korir sich auch daran aufbauen, dass er die Jahres-Weltbestzeit hält. In Rotterdam lief er 2:06,38 Stunden.

Gebrselassie sagt, er werde „jedes Resultat akzeptieren, egal ob es gut ist oder nicht“. Das muss man ihm nicht glauben, er ist hier, weil er den Rekord will. Er gibt es auch kurz darauf zu. „Wenn er viel Geld verdienen wollte, dann würde er in Chicago starten“, sagt Milde. In Chicago laufen sie in drei Wochen.

In Berlin, wo sie ihn für eine sechsstellige Summe verpflichtet haben, geht es aber auch um das Image des Haile Gebrselassie. Es geht darum, ob er seinen Status als Superstar auch im Marathon wahren kann. „Es ist für ihn eine Nagelprobe, zweifellos“, sagt Milde. Und entscheidend ist die Zeit. Läuft er nicht schneller als 2:06 Stunden, dann hat er verloren, sagt Milde. „Dann kann er den Hype, der um ihn gemacht wird, nicht mehr lange aufrechterhalten.“ Und dann, sagt Milde, „verliert Gebrselassie ein Drittel seines Marktwertes“. Die Bestzeit des Äthiopiers steht bei 2:06,20 Stunden. Noch kassiert Gebrselassie doppelt so viel wie Korir.

Über solche Dinge redet Gebrselassie natürlich nicht. Er lacht viel, als er am Freitag bei einer Pressekonferenz erzählt. „Ich fühle mich ausgezeichnet“, sagt er, „ich bin gut im Training.“ Und weil er sich so gut im Training fühlt, habe er auch kein Problem mit seinem Selbstbewusstsein. Der London-Marathon? Nicht optimal, aber schon abgehakt. Er hat auch nichts an seinem Training geändert seit diesem neunten Platz.

Bei Gebrselassie muss man auf die kleinen Zeichen achten, um sein Gefühlsleben erahnen zu können. Zum Beispiel, wenn er über den Marathon-Weltrekord redet. Der 33-Jährige hat schon Weltrekorde über 5000 und 10 000 Meter aufgestellt, er lächelt eher mechanisch, als er erzählt, dass er Rekorde ja nun gewöhnt ist. Aber dann redet er über den Marathon-Weltrekord, und man muss dabei seine Augen sehen, seinen Blick. Er sagt nicht, dass diese Bestmarke für ihn das Größte ist, weil er sie noch nie hatte, sein Blick sagt das für ihn. Und deshalb ist es wohl weniger Fahrlässigkeit, dass er sich die Strecke nicht angeschaut hat. Gebrselassie ist wohl einfach nur enorm von sich überzeugt.

Korir soll das nur recht sein. „Haile kommt vom Stadionlauf, er ist kein Marathon-Experte. Deshalb glaube ich, dass ich ihn besiegen kann“, sagt der Kenianer. Sie sind noch nie gegeneinander gelaufen, Gebreselassie und Korir, sie kennen sich auch kaum. Korir sagt auch, dass er glücklich ist, gegen einen wie Gebrselassie laufen zu dürfen. Das hat einiges mit dem Respekt vor den Leistungen des Äthiopiers zu tun, vor allem hat das ganz handfeste Gründe. „Wenn man allein läuft, ist man nicht so schnell wie bei einem direkten Duell“, sagt Korir.

So sieht das auch Gebrselassie. Aber so ein Duell, vor allem im Schlussspurt, das ist eine verdammt ernste Sache. „Da“, sagt der Äthiopier, „geht es um Leben und Tod.“
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