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90 MINUTEN mit …

Angela Merkel

Die Kanzlerin wird Ehrenmitglied bei Energie Cottbus
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Die kleine Meisterschale steckt in einem Karton aus Holz. Angela Merkel lacht, als sie das Präsent auspackt, stolz reckt sie die Metallschale in das Stadionrund. Die Fans im Stadion der Freundschaft applaudieren höflich. Auf der kleinen Meisterschale steht: „Ehrenmitglied von Energie Cottbus“. Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist zu Gast beim Fußball.

Noch vor dem Anpfiff gegen Borussia Dortmund wird sie, die sich selbst als Fußballlaie bezeichnet, als Fan ausstaffiert. Bojan Prasnikar, der Cottbuser Trainer, überreicht ihr ein Trikot, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck reicht ihr den passenden Fanschal. Man merkt, dass hier ein Klub im Grunde sich selbst ehrt. Die Zuschauer reagieren wohlwollend, nur vereinzelt klingen die sonst für Politiker üblichen Pfiffe und Buhrufe durch. Merkel greift sich das Stadionmikrofon und wünscht ihrer Mannschaft viel Kraft für die nächsten Spiele. „Cottbus muss Teil der Bundesliga bleiben und dafür drücke ich beide Daumen.“ Tosender Beifall.

Angela Merkel ist erst das 13. Ehrenmitglied in der Geschichte des FC Energie. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder saß auch schon mit Energie-Schal im Stadion, im Herbst 2004 empfing er die Mannschaft mit dem damaligen Trainer Eduard Geyer sogar im Bundeskanzleramt – dennoch brachte es Schröder nur zum normalen Vereinsmitglied. Merkel hat es zumindest in Cottbus weitergebracht, sie steht nun auf einer Stufe mit Menschen wie Renate Langner. Langner hat den Klub einst mitgegründet und sich später um Ordnung in der Vereinskasse bemüht.

Das Spiel beginnt. Angela Merkel zieht ihren wärmenden schwarzen Mantel zu und setzt sich auf die Haupttribüne des Stadions der Freundschaft. Doch das erste Tor schießt ein Schwarz-Gelber, kein Roter: Mladen Petric trifft für Borussia Dortmund. Die Fernsehkameras richten sich auf Ehrenmitglied Nummer 13, und so kann jeder Zuschauer in Deutschland die Reaktion von ihren Lippen ablesen. „Mein Gott“, sagt die Kanzlerin. Sie schlägt ihren Kragen hoch.

Halbzeitpause. Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland soll das Gesehene analysieren. „Die Ballanteile sind sehr groß“, macht sie den Cottbussern etwas ungelenk Mut, „jetzt braucht es noch etwas Kraft vor dem Tor, dann ist alles drin.“ Mit einem fast scheuen Lächeln verabschiedet sie sich wieder zu ihrem Platz. Weiter geht’s.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft saß sie jubelnd in den Stadien, klatschte lachend in die Hände, sprang auf den Tribünen auf und nieder. Diesmal aber gibt es nichts zu feiern. Das ahnt auch Fußballlaie Angela Merkel schnell. Das zweite Tor für Dortmund ist noch nicht gefallen, da erheben sich die Kanzlerin und ihr Gefolge und schieben sich zum Stadionausgang.

Am Abend lauscht die Kanzlerin den Philharmonikern. Was ihr wohl besser gefallen hat? Karsten Doneck

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 17.02.2008)
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