Asafa Powell : Viel Rücken, viel Wind, viel Tempo

Danke mit einem Weltrekord: Wie kann Asafa Powell bloß schneller rennen als seine gedopten Vorläufer?

Friedhard Teuffel
Powell
Den eigenen Weltrekord unterboten: Asafa Powell in Rieti. -Foto: dpa

BerlinScheint so, als wenn Asafa Powell am liebsten ganz alleine vornewegrennt, wenn er nicht in seinen Augenwinkeln noch die Konkurrenten kämpfen sieht und niemandem seinen Windschatten schenken muss. Diesen Gefallen haben ihm die italienischen Veranstalter beim Meeting in Rieti getan und nicht die allerbesten Läufer mit ihm auf die 100 Meter Strecke geschickt. Die Bahn neben ihm ließen sie sogar ganz frei. Dafür hat sich Powell am Sonntag mit der großzügigsten Geste bedankt, die ein Sprinter zeigen kann: mit dem Weltrekord. Doch an diesem Geschenk hängt eine Frage: Kann Powell, 24 Jahre alter Berufssprinter aus Jamaika, wirklich ohne Doping schneller laufen als zum Beispiel Ben Johnson mit?

Der Sprint ist längst eine Glaubensfrage geworden, so viele Dopingfälle hat es in den vergangenen Jahren gegeben, aber einige Faktoren sind noch zum Erklären übrig geblieben. Als Powell seinen eigenen Rekord von 9,77 auf 9,74 Sekunden steigerte, hatte er einen Rückenwind von 1,7 Metern pro Sekunde, ab einem Wert von 2,0 Metern wäre sein Rekord nicht anerkannt worden. „Günstiger können die Bedingungen kaum sein, zumal der Wind nur an einer Stelle gemessen wird, meistens bei 50 Metern. Gut möglich, dass der Wind am Start und am Ende sogar noch besser war“, sagt Frank Lehmann, Leichtathletikexperte am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft Leipzig. Powell kann den Wind auch gut aufnehmen, denn mit 1,88 Metern ist er für einen Sprinter vergleichsweise groß – viel Rücken, viel Wind, viel Tempo.

Als vor zwei Wochen der Amerikaner Tyson Gay in Osaka in 9,85 Sekunden Weltmeister wurde, hatte er einen Gegenwind von 0,5 Metern pro Sekunde. „Diese Leistung ist für mich noch höher einzuschätzen als Powells Weltrekord“, sagt Lehmann.

Im Rennen von Osaka war Powell in 9,96 Sekunden auf Rang drei gelaufen, das war auf jeden Fall weniger, als er sich vorgestellt hatte als Inhaber des Weltrekords. Das Rennen habe er nicht in den Beinen, sondern im Kopf verloren, sagte Powell hinterher: „Ich habe ein bisschen Panik bekommen, als ich nach meinem guten Start gemerkt habe, dass Tyson aufholt.“ Der 100-Meter-Sprint ist also weit mehr, als einfach nur drauflos zu rennen. „Der perfekte Wechsel von Anspannung und Entspannung, das ist die Kunst des Sprints“, sagt Wissenschaftler Lehmann.

In Italien fiel Powell die Entspannung auf der Bahn wohl nicht schwer. Er stellte den Weltrekord im Vorlauf auf und das bei einem alles andere als wichtigen Meeting. Wichtiger wären nun die Meetings in Brüssel und Berlin, in Brüssel hat Powell schon zugesagt, die Berliner bemühen sich noch um ihn, wenn auch mit geringen Hoffnungen. Einen exzellenten Sprinter haben sie für das Istaf am Sonntag jedoch schon verpflichtet: Leroy Dixon. Er sicherte in Osaka im Schlusssprint den WM-Titel für die Staffel der USA gegen Powell und Jamaika. Ihn wundert es nicht, dass Powell schneller ist als der dopingverdächtige Carl Lewis: „Der Sprint hat sich gewandelt. Heute gibt man am Start mehr Power, beschleunigt bis 50 Meter, hält das Tempo bis 85 Meter und läuft am Ende nur aus.“ Die Sprinter heute benötigten auch ein paar Schritte weniger, „das macht die 100 Meter kürzer“, sagt Dixon. Sein Trainer John Smith wisse sogar, was Powell und Gay alles falsch machten. „Er trainiert uns nicht für Niederlagen, er trainiert uns für den Weltrekord.“ Es klingt manchmal verdächtig leicht, der schnellste Mann der Welt zu werden.

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