Sport : Aspekte des Sports: Eine Form der Freiheit

Wolfram Eilenberger

Die Ereignisse vom 11. September haben den Sport auf seinen Platz verwiesen. Die ausgetragenen Champions-League-Spiele vom Dienstag, sonst emotionale und ästhetische Höhepunkte, wurden zum sinnentleerten, ja geschmacklosen Schauspiel. Als ob es eines letzten Beweises bedurfte, offenbarten die Funktionäre ihr leitendes Ausmaß an Inkompetenz und Taktlosigkeit. Denn der Sport, so wurde richtig geschrieben, habe in diesen Tagen zu schweigen, weil er nichts zu sagen habe.

Wer so über Sport schreibt und denkt, setzt Sport mit dem hoch kommerzialisierten und weitgehend professionalisierten Ergebnissport gleich, von dem jeden Tag in den Zeitungen zu lesen ist. Dieser Sport hat seinen Platz. Wer diese Form des Sports betreibt oder wahrnimmt, den interessiert in erster Linie ein objektivierbares Ergebnis. In weniger schönen Phrasen also das, was hinten rauskommt; das, was man zählbar mit nach Hause nimmt; das, von dem nachher keiner mehr fragt, wie es zustande kam. Jedem, Sportlern, Journalisten und Lesern, war klar, dass dieser Form des Sports keine Bedeutung hatte.

Es gibt aber auch noch einen anderen Aspekt des Sports, dessen Funktion und Bedeutung gerade in diesen Tagen nichts einbüßt. Es ist die Erfahrung, Sport zu treiben. Das unmittelbare Gefühl für den Widerstand des eigenen Körpers, dessen spielerisch gewollte Herausforderung und die beglückende Erschöpfung, die darauf folgt.

Wer also nach der ersten Lähmung des Dienstages entschied, ins Fitness-Center oder joggen zu gehen, mit Freunden ein wenig auf den Korb oder das Tor zu schießen, sich zu treffen und gemeinsam Sport zu treiben, folgte damit nicht nur einem Impuls nach Ablenkung. Die Erfahrung des Sports, über die in den Rubriken mit Namen "Sport", weil sie privat ist, wenig geschrieben wird, ist auch mehr als eine kontrollierte und kurzweilige Form des Vergessens. Viel eher eine Selbstvergessenheit, eine Erfahrung der Gedankenfreiheit - im doppelten Sinne des Wortes. Wenn Sport in dieser Woche überhaupt eine Bedeutung hatte, dann lag sie allein in dieser privaten Erfahrung.

Sport als Erfahrung ist tatsächlich eine universelle und sehr bedeutende Form der Freiheit und der Befreiung. Eine Form, die gerade Frauen in vielen Teilen der Welt mit System vorenthalten bleibt. Diese Befreiung ist elementar, denn sie setzt, noch vor aller Sprache, Bildung und Verständigung mit der unmittelbaren Erfahrung des Körpers ein, mit der Verfügbarkeit, Kontrolle und dem Genuss des eigenen Leibes. Eben jenem Ort, dem eigenen Körper, wo sich das sprachlose Entsetzen und die Angst spürbar machte, als es einem die Kehle zuschnürte und man auch noch Tage nach der Katastrophe wie gerädert aufsteht.

Die Erfahrung des Sportes schaffte, wenn man Glück hatte und die Bilder für eine Weile verschwanden, eine heilsame Distanz zu Ereignissen und Problemen, die noch eine Stunde zuvor enorm und unlösbar erschienen, rückte Geschehenes in ein anderes und vielleicht klareres Licht. Heilig ist dieser Erfahrung nur der Ernst des Spiels, bei dem es schon am Mittwoch wieder brennend interessierte, was Innenpfosten auf Urdu heißt. Schließlich muss es einen, selbst wenn es nur darum ginge, den Gegner zu besiegen, interessieren, was der andere glaubt und weshalb er so Offensichtliches nicht einsehen kann.

In diesem Sinne ist die Bedeutung des Sportes auch in den folgenden Wochen nicht zu unterschätzen. Kein gutes Zeichen scheint es dabei allerdings, dass der derzeitige Präsident der USA - im Gegensatz zu seinem joggenden Vorgänger Clinton - in seiner Freizeit Klarheit sucht, indem er mit der Motorsäge den eingezäunten Vorgarten glättet.

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