Sport : Aspirin und dicke Arme

Ohne Schmerzmittel geht im Langstreckenschwimmen nichts

Frank Bachner

Barcelona. Von Sandra Völker wird berichtet, dass sie im Geiste dichtet, wenn sie im Training das 50-m-Becken durchmisst. Sie schwimmt ja mehrere Kilometer am Tag und will sich irgendwie ablenken. Dabei legt sie gar keine wirklich langen Distanzen zurück, sie ist keine Ausdauersportlerin. Die Europameisterin startet nur auf den kurzen Wettkampfstrecken.

Aber wenn Völker schon die Langeweile bekämpft, was geht dann den Langstrecken-Schwimmern durch den Kopf? Heute zum Beispiel, auf den 25 Kilometern bei den Weltmeisterschaften in Barcelona. Fünf, sechs Stunden sind die Frauen und Männer unterwegs. Denken sie sich unterwegs Liebesgedichte aus? „Gar nichts denkt man“, sagt Angela Maurer, die WM-Zweite über 10 Kilometer. „Man hat schlicht gar keine Zeit dazu. Man achtet ständig auf die Gegnerinnen, auf den Trainer, auf die eigene Position.“ Langstreckenschwimmer sind ständig im Kampf. Gegen sich, gegen die Schmerzen, gegen das Hungergefühl, gegen die Konkurrenz.

Am schlimmsten sind die Schmerzen. Angela Maurer hat die Belastungen mal beschrieben. „Schon nach zweieinhalb Stunden wurden meine Arme dick. Ich habe dann noch mal zwei Stunden gebraucht, bis ich mich wieder gefangen habe. In den letzten zwei Stunden bekam ich satte Schulterschmerzen.“ Es gibt keine Phasen der klassischen Entspannung, in denen man sich eher treiben lassen kann. Der Körper wird ständig beansprucht, Beine, Schultern, Nacken. Die Muskeln übersäuern, der Magen schmerzt. Einmal hatte Angela Maurer sogar Durchfall, weil das Wasser verschmutzt war. „Ohne Schmerztabletten hält das keiner durch“, sagt Thomas Lurz aus Würzburg, Spezialist für die 5- und 10-Kilometer-Strecke.

Angela Maurer nimmt gegen die Schmerzen „eine Voltaren und drei Aspirin. Eine ganz normale Dosis.“ Die Tabletten stehen nicht auf der Dopingliste. Aber genauso wichtig wie die Schmerztabletten ist die Ernährung. Langstreckenschwimmer trinken literweise Kohlenhydratgetränke. Wenn das Wasser kalt ist, auch noch warme Kraftbrühe. Betreuer reichen die Getränke, getrunken wird hastig, in kleinen Schlucken. Bloß keine Zeit verlieren. Angela Maurer hat bei einem Weltcup-Rennen über 57 Kilometer in Argentinien in der letzten Stunde auch noch eine Cola getrunken. „Das puscht.“ Alle zehn Minuten, erzählte Maurer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, müsse man etwas trinken. Sonst falle der Blutzuckerspiegel.

Und sonst verliert man Kraft für die harten Zweikämpfe. Im Langstreckenschwimmen geht es zu wie beim Wasserball, ein Kampf mit allen Mitteln. Blaue Flecken, verletzte Finger. Wer beim Langstreckenschwimmen an Liebesbriefe oder an die Oma denken kann, der muss hoffnungslos zurückliegen.

Die verschärfte Variante des Langstreckenschwimmens ist der Kampf im kalten Wasser. Bei der Europameisterschaft 2002 im Templiner See bei Postdam lag die Wassertemperatur bei 18 Grad. 15 Grad müssen es mindestens sein, so steht es im internationalen Regelwerk. Deshalb schmieren sich die Schwimmerinnen dick mit Fett ein. „15 Grad halte ich für unmenschlich und gesundheitsschädlich“, sagte damals Britta Kamrau aus Rostock. Sie wurde, völlig durchgefroren, Neunte über 25 Kilometer. Bei der Weltmeisterschaft in Barcelona schlug sie über fünf Kilometer als Dritte an.

Unter der Sonne Spaniens ist die Wassertemperatur kein Problem. Nur hilft das auch nicht viel. Angela Maurer hat erzählt, wie sie sich nach den 57 Kilometern in Argentinien, im warmen Wasser des Rio Coronda, gefühlt hatte: „Ziemlich alt. Die Arme tun mir ganz doll weh. Ich habe Rückenschmerzen und am ganzen Körper Muskelkater.“ Aber es lohnte sich. Maurer wurde Dritte, hinter Kamrau. Ganz ohne zu dichten.

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