Sport : Astronautin im Macho-All

Monisha Kaltenborn ist als Geschäftsführerin von Sauber die einzige Frau in einer Führungsposition der Formel 1, ihr Pragmatismus ist von großem Vorteil

Karin Sturm[Silverstone]
Der ruhende Pol. Monisha Kaltenborn bleibt auch dann gelassen, wenn ihre männlichen Kollegen die Nerven verlieren. Foto: dpa/p-a
Der ruhende Pol. Monisha Kaltenborn bleibt auch dann gelassen, wenn ihre männlichen Kollegen die Nerven verlieren. Foto: dpa/p-aFoto: picture alliance / Sven Simon

Als Kind wollte sie unbedingt Astronautin werden. Zumindest in einer von Männern dominierten Hightech-Branche ist sie jetzt tatsächlich gelandet, wenn auch auf ein paar Umwegen. Monisha Kaltenborn ist die einzige Frau in einer echten Führungsposition in der Formel 1 – und das ausgerechnet in der konservativen Schweiz: Die Anwältin mit indisch-österreichischen Wurzeln, die in Wien aufwuchs, ist Geschäftsführerin des Sauber-Teams, in ihrer Bedeutung dem Teambesitzer Peter Sauber inzwischen praktisch gleichgestellt. Über eine Marketing-Agentur kam sie Ende der Neunzigerjahre erstmals mit Peter Sauber und dem Motorsport in Kontakt, handelte später für Sauber den Formel-1-Deal mit BMW aus. „Dabei hat sie mich mit ihrer Kompetenz derart überzeugt, dass ich sie einstellen musste“, erinnert sich Peter Sauber.

Als sie anfangs an der Seite von Sauber an den Rennstrecken auftauchte, hielt einer der anderen Bosse sie für die Dolmetscherin des Schweizers, der sich ja mit Englisch ein bisschen schwertut. „Wer es war, verrate ich aber nicht“, sagt sie höflich lächelnd, „und er hat sich ja dann auch entschuldigt“.

Inzwischen ist sie überall anerkannt, ob bei den anderen Bossen oder im eigenen Team. „Natürlich war die technische Seite für mich zu Beginn Neuland, aber da musste ich mich eben einarbeiten. Denn wenn ich zum Beispiel einen Motorendeal aushandle, dann muss ich ja schließlich auch über die technischen Konzepte der verschiedenen möglichen Partner Bescheid wissen.“ Und nicht selten sind gerade die Ingenieure dann von ihren Detailkenntnissen überrascht.

Eine Vorreiterrolle in Sachen Gleichberechtigung spielte Kaltenborns Familie schon immer – gerade die indische Seite: Ihre Großmutter gehörte in Indien zu den ersten Frauen, die überhaupt eine Universität besuchten. Und auch die ersten indischen Ärztinnen stammen aus ihrer Familie. „So ist es für mich auch gar nichts so Besonderes, in einer Branche zu sein, in der sonst hauptsächlich Männer unterwegs sind.“ Und auch den Spagat zwischen einem Beruf mit sehr vielen Reisen und einer Familie mit zwei Kindern schafft sie mit erstaunlicher Leichtigkeit – in Monaco durften die Kinder erstmals an der Strecke der Mama über die Schulter schauen. „Da haben sie mal gesehen, wie das alles abläuft, was und wie viel ich da zu tun habe“, sagt Kaltenborn. Die Kinder würden jetzt besser verstehen, weshalb sie manchmal auf den Anruf ihrer Mutter warten mussten.

Erst kürzlich outeten sich einige Formel-1-Journalisten als Machos, als sie bei einem Interview mit Nico Rosberg Frauensport in Frage stellten und dem Fahrer dann ein Macho-Zitat in den Mund legten. Im Vergleich zu den vielen Alphamännchen in der Branche, die aus jeder Diskussion, aus jeder Entscheidung eine Selbstdarstellung und Machtkampf machen müssen, geht Kaltenborn ruhiger und sachlicher an ihre Aufgaben heran. „Frauen sind vielleicht generell etwas pragmatischer“, sagt sie.

Kaltenborn lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen – überhaupt wirkt sie stets gelassen. Als Quereinsteigerin ist die Formel 1 für sie letztlich ein Geschäft – und nicht ganz so eine „Herzblut-Angelegenheit“ wie für andere, die ihr Leben lang nur Rennsport gekannt und gemacht haben. „Das heißt nicht, dass ich nicht während der Rennen genauso angespannt mitfiebere“, sagt Kaltenborn. Aber wenn es darum gehe, ihren Job zu machen, „dann habe ich gelernt, dass man am weitesten kommt, wenn man die Dinge sachlich angeht.“

So war sie auch nach dem schlimm aussehenden und letztlich noch glimpflich verlaufenen Unfall von Sauber-Pilot Sergio Perez in Monaco der ruhige Pol im Team, der die Fäden zusammenhielt. „Die Emotionen kommen in so einem Fall bei mir später“, sagt sie. Ob sie mit ihrem Pragmatismus nicht manchmal genervt sein müsse, wenn ihre männlichen Kollegen nicht vorankommen, weil keiner nachgeben kann? Ihre Antwort klingt diplomatisch: „Manchmal denke ich mir schon, dass man vielleicht schneller zu einem Ergebnis gekommen wäre, wenn hier noch ein paar mehr Frauen in den Entscheidungsgremien säßen.“

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