Sport : Asyl für einen späteren Superstar

Jürgen Roos

Wenn das kein Angebot ist. "Kleiner, du kannst bei mir pennen." Alexej Nemow hat die Worte noch genau im Ohr. Der "Kleine" war er selbst. Und der, der die Worte sprach, war damals vor zehn Jahren schon ein ganz Großer. Valeri Belenki, der Turnweltmeister. Ort der Begegnung: das russische Trainingszentrum nahe Moskau. Junioren wie Nemow wurde zeitweilig ein überheizter Kellerraum zugewiesen, Stars wie Belenki hatten ihr eigenes Zimmer. Aber sie hatten auch die Chance, großherzig zu sein. Also gewährte Belenki dem kleinen Nemow Asyl, und es war der Beginn einer bemerkenswerten Freundschaft. Alexej Nemow, 25, ist inzwischen Olympiasieger und in Russland ein Superstar. Valeri Belenki, 32 und in Deutschland eingebürgert, wurde gestern beim DTB-Pokal in der Stuttgarter Schleyerhalle verabschiedet.

Die Freundschaft hält noch immer. Als Nemow zusammen mit seiner Frau Galina vor ein paar Tagen in Stuttgart landete, ließ er sich zu Belenki nach Ruit auf die Fildern chauffieren. Der Turner von der KTV Stuttgart und seine Partnerin Olga Abduraimow hatten für die Gäste ein Abendessen vorbereitet. Und dabei wurde deutlich, in welch verschiedenen Welten die beiden heute leben. Belenki, der im Westen eine neue Heimat gefunden hat. Und Nemow, der es in Russland trotz seines Ruhms gar nicht so leicht hat.

Aber auch bei dem gebürtigen Aserbaidschaner Belenki lief nicht alles glatt. "Vielleicht hätte ich meinen Körper schonen und früher aufhören sollen", sagte er, nachdem ihm bei der WM vor vier Wochen in Gent eine Bizepssehne gerissen war. Dass er 1994 den Sprung nach Deutschland gewagt hatte, beurteilt Belenki aber positiv. In Moskau hatte er jahrelang unter dem Regiment des Cheftrainers Leonid Arkajew gelitten. In Deutschland war er sofort wieder ein Star. Der einzige, der neben dem Berliner Andreas Wecker Medaillen für den DTB holte. Die Zukunft? Findet natürlich nicht ohne Turnen statt. Im Stuttgarter Kunstturn-Forum wird Belenki als Landestrainer mit Kindern arbeiten. Bleibt die Frage, ob Belenki nach 25 Jahren in magnesiageschwängerter Luft überhaupt noch Lust auf die Turnhalle hat. "Eigentlich kann ich ja nichts anderes", sagt der 32-Jährige.

Seine Ehrlichkeit. Das ist es, was Alexej Nemow an dem älteren Turnkollegen fasziniert. "Er war ein Idol für mich", sagt der Olympiasieger, "da war ich am Anfang richtig schockiert, wie einer so ehrlich sein kann." Nemow, das große Talent, orientierte sich am Turnstil des Älteren, hielt auch nach dessen Auswanderung Kontakt. Bei großen Wettkämpfen trafen sich die beiden wieder, heute telefonieren sie mindestens einmal die Woche. Zu seiner Hochzeit im vergangenen Jahr lud Nemow Belenki ein - und der kam prompt nach Moskau geflogen.

"In Moskau ist das Leben schwerer", sagt Belenki, "da muss sich jeder um sich selbst kümmern." Sogar ein Star wie Alexej Nemow habe es nicht leicht. "Die Leute sehen mich im Fernsehen und denken, ich habe schon längst ausgesorgt", sagt Nemow, "dabei haben wir die gleichen Probleme wie jede andere Familie auch." Das heißt: Auch der Olympiasieger macht sich Gedanken darüber, wie er nach der Karriere seine Familie mit den beiden Söhnen Alexej und Jewgeni ernähren soll. Bis jetzt lebt Nemow von Preisgeldern, vom Schauturnen und den Gagen, die er dabei verdient. Einen Sponsor hatte der Olympiasieger nur kurz.

An die Fußballprofis von Spartak Moskau kommt auch in Russland kein Turner heran, schon gar nicht an die Tennisspieler Jewgeni Kafelnikow oder Marat Safin. Immerhin: Nemow reicht es für zwei Wohnungen in Moskau. Und seiner Mutter kaufte er zwei kleine Lebensmittelgeschäfte. Als Dank dafür, dass sie ihn ohne den Vater groß gezogen hat. In Togliatti war das, 700 Kilometer von Moskau entfernt, der Stadt mit dem großen Lada-Werk.

Zwei Turner, zwei Welten. Die Frage, ob sie in all den Jahren harten Trainings etwas verpasst haben, beantworten sie mit einem emotionslosen "Nein". Ohne den Sport wären beide nicht dort, wo sie heute sind.

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