Sport : Atemberaubend unschön

Trainer Guus Hiddink setzt beim PSV Eindhoven auf Tugenden, die Holland nicht schätzt – und wird damit wohl Meister

Stefan Hermanns

Eindhoven. Ronald Koeman wurde immer ungeduldiger. Einige Minuten schon saß der Trainer von Ajax Amsterdam im „Ronaldozaal“, dem Presseraum des Eindovener Philips-Stadion, und vergeblich wartete er dort auf Guus Hiddink, den Coach des heimischen PSV. Koeman hatte einen Mitarbeiter des Klubs auf die Suche geschickt, er wollte endlich weg. „Vielleicht macht Guus unten noch die Polonaise“, sagte Koeman. Guus Hiddink hätte in der Tat allen Grund zu fröhlichen Gruppentänzen oder sonstigen Ausdrucksformen freudiger Ausgelassenheit gehabt. 2:0 (1:0) hatte seine Mannschaft gerade das Spitzenspiel der holländischen Ehrendivision gewonnen und dadurch den Abstand zu Ajax Amsterdam, den Tabellenzweiten, auf zehn Punkte vergrößert.

„Wenn man eine Mannschaft mit Erfahrung hätte, könnte man jetzt eine Flasche Champagner aufmachen“, sagte Hiddink. „Aber bei uns ist es noch Limonade.“ Natürlich spricht aus solchen Aussagen neun Spieltage vor Saisonende vor allem Understatement. Andererseits weiß Hiddink ganz genau, dass die Qualitäten seines Teams nicht zwangsläufig die Meisterschaft zur Folge haben dürften. Der PSV ist in dieser Saison eine Mannschaft im Umbruch, „sie hat noch nicht die richtige Struktur“, sagt ihr Trainer.

Umso erstaunlicher ist der bequeme Vorsprung auf die Konkurrenz. 13-Mal hat die Mannschaft jetzt in Folge gewonnen, seit Mitte November keinen Punkt mehr verloren. Doch Hiddink sagt, „dass wir noch sehr viel besser spielen können – und auch müssen“. Dem Verdacht, zu schön zu spielen, hat sich der PSV in dieser Saison nur selten ausgesetzt. Im Gegenteil. „Die Mannschaft, die Meister wird, spielt im Moment den hässlichsten Fußball“, hat die Zeitung „De Volkskrant“ über Hiddinks Team geschrieben.

In solchen Sätzen spiegelt sich auch die spezifisch holländische Vorstellung vom Fußball wider, der schön und atemberaubend zu sein hat, und nicht nüchtern und manchmal dröge wie das Spiel der ungeliebten Deutschen.

Nur das Resultat zählt

Hiddink hält diese Idee in ihrer holländischen Entschiedenheit für weltfremd. „International ist man immer auf das Resultat fixiert“, sagt der Trainer. Und offensichtlich merken das inzwischen auch die Niederländer. Das „Algemeen Dagblad“ hat einen Mentalitätswandel im Lande ausgemacht: „In Holland gibt es nach dem Verpassen der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr und den enttäuschenden Leistungen in der Champions League das Bedürfnis, endlich mal wieder gute Ergebnisse zu erzielen. Und die dürfen ab und zu auch etwas weniger ethisch zu Stande kommen.“ Früher wäre das unmöglich gewesen. „Das war wie Fluchen in der Kirche“, sagt Hiddink.

Mit seiner Mannschaft hätte er demnach in dieser Saison Blasphemie in Fortsetzung betrieben. Das Spiel gegen Ajax, das der jugoslawische Stürmer Mateja Kezman mit seinen Saisontoren 24 und 25 entschied, war das schlechteste zwischen beiden Mannschaften seit Menschengedenken, sagen auch die Holländer. Und überhaupt hat sich der PSV Eindhoven einen Teil seiner Punkte durch unansehnliche 1:0- oder 2:1-Siege erschlichen. Der PSV sei „eine Gemeinschaft, die sich weigert zu verlieren“, hat die Zeitschrift „Sportweek“ erst kürzlich geschrieben.

Verantwortlich für den neuen Realismus ist vor allem Guus Hiddink. Nicht aus Lust, sondern aus der Überzeugung, dass sein junges Team im Moment nur auf diese Weise erfolgreich sein kann. „Wir dürfen nicht vergessen, wie wir so weit gekommen sind“, sagt er. Und doch wünscht sich Hiddink, dass der PSV „noch etwas dominanter wird, dass wir dem Gegner noch stärker unseren Willen aufzwingen“.

Aber so weit ist das Team noch nicht. Ein wenig erinnert das Eindhovener Spiel an die südkoreanische Nationalelf, die Hiddink vor einem Jahr ins Halbfinale der Weltmeisterschaft geführt hat. Auch die hat sich weniger durch spielerische Eleganz und überragende Individualisten ausgezeichnet als durch eine solide Organisation, eine kluge Taktik und ausgeprägtes Pflichtbewusstsein. „Ein sehr gutes Vorbild“, sagt Hiddink.

Akzeptiert, nicht geliebt

Im Moment muss er schon deswegen keine öffentlichen Angriffe fürchten, weil Ajax seine Erfolge in der Champions League auf eine ähnliche Art erzielt hat: Mit fünf Unentschieden aus den sechs Zwischenrundenspielen hat sich das Team ins Viertelfinale geschummelt. In der holländischen Öffentlichkeit wird Hiddink dafür zwar nicht geliebt, aber akzeptiert. Die Holländer davon überzeugt, dass es sich bei dieser Art des Spiels um eine temporäre Erscheinung handelt, denn beide Mannschaften sind jung. Hiddink hat Spieler in seiner Mannschaft, „die zittern noch ein bisschen, wenn sie aufs Feld kommen“. Aber sie lernen mit jeder neuen Herausforderung, so wie auch die Ajax-Spieler in der Champions League von Spiel zu Spiel ein bisschen kaltblütiger aufgetreten sind.

„Die Naivität ist raus“, sagt Trainer Hiddink über das Defensivverhalten seines Teams. Aber das reicht ihm noch nicht: „Wir müssen jetzt versuchen, den nächsten Schritt zu machen.“ Den Schritt zurück zum schönen Spiel.

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