Sport : Atemmaske

Norbert Thomma

Am Tag, als der Reaktor in Tschernobyl explodierte, wurde der Fotograf Igor Kostin vom Telefon aus dem Schlaf gerissen, er zog sich rasch an und flog im Hubschrauber los. Irgendein Unfall, mehr wusste er nicht. Kostin drückte den Auslöser, als sie über dem Atomkraftwerk kreisten, spürte die Hitze, musste husten, dann klemmte die Kamera. Später, beim Entwickeln, waren alle Abzüge wegen der radioaktiven Strahlungen schwarz – bis auf ein einziges Foto, grobkörnig mit matten Farben. Es ist die einzige Aufnahme vom Tag des Unfalls, 26. April 1986.

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Eigentlich hätte Igor Kostin fliehen müssen, die meisten reagieren so, wenn Gefahr droht. Doch der Fotograf kehrte immer wieder zurück nach Tschernobyl, jahrelang, 150 Kilometer Weg von Kiew, wo er wohnt. Er hat so genannte Aufklärungsdosimetristen aufs Bild gebannt und Liquidatoren, Männer mit Atemmasken und Stoffhütchen, Plastikschuhen und Luftrüsseln, er stieg auf die benachbarten Reaktoren und sah Autoschlangen bei der Evakuierung von Städten, dokumentierte den Bau des Sarkophags, der den radioaktiven Schutt ummanteln soll. Auch die Folgen des Super-GAUs sind zu sehen, die Gerichtsprozesse, die Beerdigungen der Opfer, Demonstrationen, aufgedunsene Fische, verlassene Dörfer, Trauergottesdienste, Kinder, die mit Geigerzählern untersucht werden und solche mit schweren Behinderungen, mutierte Äpfel und ein achtbeiniges Fohlen.

Es sind keine aufgeregten Fotos, Fotos mit einer merkwürdigen Ruhe, mohnrote Frühlingswiesen, saftig grüne Felder – und immer zerstören diese gelben Schilder das Idyll: Achtung, Radioaktivität! Ein beeindruckender Bildband.

Igor Kostin: Tschernobyl. Nahaufnahme. Verlag Antje Kunstmann, München. 240 Seiten, 24,90 €.

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