Sport : Athen pfeift auf Amerika

Die US-Athleten werden meistens ausgebuht – liegt es am arroganten Image oder am Doping?

Benedikt Voigt[Athen]

Vergeblich leuchtet es auf der Anzeigetafel auf: „Ruhe für den Start“. Aber niemand will sich hier beruhigen, im Gegenteil. Die meisten der 56 000 Zuschauer im Athener Olympiastadion buhen und pfeifen. Und sie rufen immer wieder den Namen des griechischen Sprinters Konstantinos Kenteris. Man sieht in aufgebrachte Gesichter auf den Tribünen.

Kenteris, bis vor wenigen Tagen ein Volksheld in Griechenland und scheinbar bei vielen immer noch, fehlte am Start des 200-Meter-Finales, weil er nach einem verweigerten Dopingtest zu Beginn der Olympischen Spiele seine Akkreditierung abgegeben hat und einem Ausschluss durch das Internationale Olympische Komitee zuvorgekommen ist.

Die Fans aber sind verärgert, vor Wochen haben sie Karten für diesen Abend gekauft, der ein griechischer werden sollte. Es wurde ein amerikanischer. Bilder auf der Anzeigetafel verstärken den Unmut der Fans noch. Erst blendet die Stadionregie ein Foto von Konstantinos Kenteris ein. Dann folgen Livebilder von der Vorbereitung der drei US-Amerikaner Shawn Crawford, Bernard Williams und Justin Gatlin auf das Rennen. Die Griechen pfeifen minutenlang.

Laute Pfiffe begleiten die US-Amerikaner in Athen seit der Eröffnungsfeier. Dort bekam das US-Team erst Applaus von den eigenen Fans, um dann Missfallenskundgebungen durch griechische Zuschauer über sich ergehen lassen zu müssen. Im Turnen musste Paul Hamm erst den Russen Alexei Nemow bitten, das Publikum zu beruhigen, ehe er ans Reck gehen konnte. Die amerikanischen Basketballer sind am Donnerstag während und nach ihrem Viertelfinalerfolg über Spanien ausgepfiffen worden. Äußert sich hier griechischer Antiamerikanismus?

Vielen Griechen missfällt die Politik des US-Präsidenten George W. Bush. „Aber ich glaube nicht, dass das etwas damit zu tun hat, was in der Welt vor sich geht“, sagte Larry Brown. Der Trainer der US-Basketballer glaubt, dass eher die traditionelle Überlegenheit seines Teams der Grund für die Pfiffe ist. „Wir sind der große Junge im Viertel“, sagt Brown, „seit 1992 haben wir immer die Goldmedaille gewonnen.“ Vor dem Turnier in Athen hatten die USA erst zwei Spiele verloren. In dieser Vorrunde sind noch zwei Niederlagen hinzugekommen. Am Freitagabend dann das endgültige Aus. Gegen Argentinien scheiterten die USA im Halbfinale (siehe Artikel links) – unter dem Jubel der griechischen Fans.

„Die Leute wollen, dass wir verlieren, das ist normal“, sagt der Trainer des NBA-Klubs Detroit Pistons. „Ich finde es gut, dass sie für den Außenseiter jubeln. Sie machen das auch bei uns zu Hause – da unterstützen sie sogar Detroit.“ Sein Team hatte im diesjährigen NBA-Finale als hoher Außenseiter den Favoriten Los Angeles Lakers besiegt.

Die US-Amerikaner verkörpern traditionell die stärkste Nation bei Olympischen Spielen. In Athen führen sie den Medaillenspiegel an. Manches wird ihnen als arrogant ausgelegt. Sprinter Bernard Wiliams lächelte und zupfte an seiner Augenbraue, als er, begleitet von Pfiffen, auf den Start des 200-Meter-Rennens warten musste. „Es ist das Image, das sie haben“, sagt Pau Gasol, ein spanischer Basketballer, der in der NBA für Memphis Grizzlies. Manchmal treffen auch nur kulturelle Unterschiede aufeinander. Die spanischen Basketballer fühlten sich beleidigt, als Larry Brown trotz sicherer Führung eine halbe Minute vor Spielende eine Auszeit nahm. Sie empfanden dieses Vorgehen als hochnäsig. „Es tut mir Leid“, sagte Brown, „wir sind nicht hier, um jemanden zu beleidigen.“ Er hatte die Auszeit schon früher nehmen wollen, bekam sie aber nicht und konnte sie nicht mehr zurücknehmen.

Die US-Sprinter Crawford, Williams und Gatlin antworteten auf die Pfiffe im Olympiastadion, indem sie das Rennen gewannen. Doch seit dem Balco-Skandal steht die gesamte US-Leichtathletik unter dem Generalverdacht des Dopings. Das dürfte der plausiblere Grund gewesen sein, warum die Zuschauer pfiffen.

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