Athlet oder Athletin? : Grenzgänger auf der Laufbahn

Der Fall Caster Semenya ist nicht so ungewöhnlich, wie man denkt: Die Geschichte der Leichtathletik ist gespickt von Geschlechter-Fragen.

Erik Eggers

Pascal Behrenbruch hatte sich die rote Schirmmütze mit der Aufschrift „Deutschland“ lässig übers Gesicht gelegt. Mit dem Kopf auf dem Wettkampfrucksack versuchte sich der Zehnkämpfer nach seinem dritten Versuch im Diskus wenigstens kurzzeitig etwas zu entspannen. Den südwestlichsten Teil innerhalb der blauen Laufbahn des Olympiastadions hatte sich der 24-Jährige dafür ausgesucht, dort, wo das Dach in der Mittagszeit noch etwas Schatten spendete. Die Diskusanlage war zu diesem Zeitpunkt schon gänzlich der prallen Sonne ausgesetzt. Bis zu 32 Grad im Schatten wurden gestern im Olympiastadion gemessen, bis zu 39 Grad in der Sonne.

Als am heißesten Tag dieses Sommers gegen 14.30 Uhr das Stabhochspringen begann, hatten die Athleten kaum mehr Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Einige gelbe Sonnenschirme wurden aufgestellt, unter die sich die Zehnkämpfer drängelten. „Es ist sehr heiß heute“, verkündetet der Stadionsprecher mehrfach. Ein recht überflüssiger Hinweis, dem er einen wichtigen folgen ließ: „Denken Sie daran, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.“ Das galt nicht nur den Zuschauern im gesamten unteren Teil der Gegengeraden – eigentlich sehr gute Plätze –, die bis zum späten Nachmittag der knallenden Sonne ungeschützt ausgesetzt waren. „Jetzt wünschte ich, ich hätte eine Karte auf der anderen Seite gekauft“, sagte eine schwitzende ältere Zuschauerin, die verzweifelt versuchte, sich mit einer Zeitung etwas Luft zuzufächern. Viele Zuschauer zogen sich auf die freien, schlechteren Plätze weiter oben zurück, so dass sich mit der Sonne ein grauer Kreis der leeren Sitze mit vereinzelten bunten Zuschauerpunkten bildete.

Auch die 800-Meter-Läufer hatten in der Mittagshitze ihre Vorläufe bestritten. Mit blauen Eisbeuteln in den Nacken kamen sie in die Katakomben, der Schweiß tropfte von den Gesichtern. Der Schwede Mattias Claesson blieb minutenlang auf dem Boden liegen, bis er sich – mit hochrotem Kopf – wieder aufrappelte. Ryan Brown aber konnte über die Temperaturen nur lachen. „Letzte Woche in Seattle hatten wir die ganze Zeit solche Temperaturen“, sagte er. Trotzdem schied er ebenso aus wie Claesson.

An der guten Stimmung im Stadion änderte die Hitze nichts – im Gegenteil. Viele Besucher lagen leichtbekleidet auf den umliegenden Wiesen, die Männer zeigten ihre nackten Oberkörper und die Eisverkäufer meldeten Rekordnachfrage. Je später es wurde, desto mehr kamen die rund 30 000 Zuschauer des Vormittags in Fahrt.

Betty Heidler allerdings schien so schnell wie möglich aus der Mittagssonne zu wollen, in der die Qualifikation der Hammerwerferinnen stattfand. Für den Einzug ins Finale reichte ihr ein einziger Versuch. „Ich fühle mich toll und das Wetter ist toll“, sagte sie strahlend, freut sich dann aber doch, dass das Finale am Samstagabend stattfindet. Und: In den kommenden Tagen soll es ohnehin wieder etwas kühler werden.

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