Sport : Athleten mit Schläuchen

Penisattrappen, Vaginalsäckchen, Chemikalien – immer mehr Sportler manipulieren ihre Dopingproben

Friedhard Teuffel[Bonn]

Es geschah zwischen der fünften und sechsten Runde des olympischen Diskuswettbewerbs. Auf einmal war Robert Fazekas verschwunden. Einiges spricht dafür, dass er unter Ausschluss der Öffentlichkeit die „ungarische Methode“ anwendete: Er führte wohl einen Ballon in den After, den er mit sauberem Urin füllte. Denn der Werfer aus Ungarn wusste, dass er zur Dopingprobe würde antreten müssen. Robert Fazekas lag in Führung, nach dem Abschluss des Wettbewerbs war er Olympiasieger im Diskuswerfen.

Er blieb es nur für kurze Zeit. Fazekas konnte nicht die erforderliche Menge Urin abgeben. Eine weitere Probe verweigerte er, deshalb musste er die Goldmedaille zurückgeben. Seinem Landsmann Adrian Annus wurde der Olympiasieg ebenfalls aberkannt. Der Hammerwerfer hatte erst Urin von zwei verschiedenen Personen abgegeben und später eine Probe verweigert. Das Risiko war den beiden Ungarn wohl zu hoch, dass die Kontrolleure in ihrem Urin Dopingsubstanzen nachweisen. Deshalb manipulierten sie. Die Zahl der Athleten, die Ähnliches versuchten und damit zum Teil auch erfolgreich waren, habe in diesem Jahr zugenommen, sagt Rune Andersen, der zuständige Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). „Unsere Nachweismethoden werden immer besser. Also bleibt den gedopten Sportlern nur die Manipulation als Ausweg.“

Sie verschaffen sich dadurch einen zusätzlichen Vorteil: Bis kurz vor dem Start können sie dopen und setzen die verbotenen Mittel nicht schon vorher ab, weil etwa manche Anabolika bis zu zwei Wochen im Urin nachweisbar sind. In seinem Büro in Montreal hat Rune Andersen eine Sammlung des Sportbetrugs zusammengestellt. Die „ungarische Methode“ ist nur ein Instrument. Sie besteht aus einem Ballon, der in den After eingeführt und einem Schlauch, der an der Unterseite des Penis befestigt wird. Mittels eines Ventils lässt der Athlet bei der Abgabe der Probe den falschen Urin aus dem Schlauch heraus.

Zu Andersens Sammlung gehört außerdem eine Penisattrappe. Sie ist an einem Gürtel befestigt, in dem sich zwei Urinproben befinden. Eine kleine Heizung hält die Proben bis zu acht Stunden auf Körpertemperatur. Erfunden wurde dieses Gerät zur Manipulation von Drogentests, die in den USA manche Arbeitgeber verlangen, aber Andersen sagt: „Es wird auch im Sport benutzt.“ Für 150 Dollar vertreibt es eine Firma im Internet – in fünf verschiedenen Hautfarben. Saubere Urinproben werden gleich mit angeboten.

Der Betrug ist ein großes Geschäft. Erschreckend seien vor allem die Perfektion und die kriminelle Energie, findet Roland Augustin, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) aus Bonn. „Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt, Frauen haben noch mehr Möglichkeiten bei der Manipulation als Männer, das ist gnadenlos“, sagt Augustin. Bekannt ist, dass sich Sportlerinnen ein mit sauberem Urin gefülltes Vaginalsäckchen einführen und dann einfach anritzen. „Deswegen haben Sprinterinnen auch so lange Fingernägel“, sagt der Dopingexperte Professor Werner Franke. Das Säckchen kann zum Beispiel in einem Blumenstrauß versteckt werden.

Athleten hätten jedoch auch schon versucht, ihre Probe unbrauchbar zu machen, berichtet Andersen. Sie hätten eine chemische Substanz an den Fingern, mit der sie kurz in ihre Probe tauchen und sie damit verderben. Über die Zusammensetzung der Substanz schweigt Andersen. Mit der Umstellung auf Blutproben sei das Problem allerdings nicht gelöst, weil der Nachweis von Anabolika im Urin besser möglich ist.

Bei vielen Wettkämpfen wird Athleten die Manipulation leicht gemacht, weil ihre Begleiter sie aus den Augen lassen. Das hat auch eine unabhängige Expertenkommission unter Leitung des Mainzer Juraprofessors Ulrich Haas in Athen bemängelt. Manche Begleiter sind Jugendliche. „Die sind oft mehr an den Autogrammen der Sportler interessiert als an ihrer Überwachung“, sagt Augustin.

Die Schulung der Dopingkontrolleure ist neben der Erhöhung der unangemeldeten Kontrollen die wichtigste Maßnahme der Wada. Oft schauen die Kontrolleure bei der Abgabe der Probe nicht genau hin, wohl aus Scham. Die Wada erstellt gerade ein Programm, um die Kontrolleure über die Methoden der Betrüger aufzuklären. „Die Methoden sind wirklich sehr feinsinnig“, sagt Andersen und korrigiert sich sofort: „Ich weiß nicht, ob es besonders feinsinnig ist, sich irgendwelche Dinge in den Hintern zu schieben.“

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