Sport : Athletische Diplomaten

Taiwan drängt auf Gleichbehandlung mit der Volksrepublik China – und hat den Sport als politisches Mittel für sich entdeckt

Friedhard Teuffel

Berlin - Eigentlich sollte sich Chen Chi-Mai nur ein bisschen Sport ansehen und an einer kleinen Zeremonie teilnehmen. Doch er löste kurzerhand einen politischen Wirbel aus. Chen Chi-Mai hatte ein verbotenes Wort gesagt: Taiwan. Er ist Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Taiwans, von Kaohsiung, einer Hafenstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Dort finden 2009 die World Games der nicht-olympischen Sportarten statt, und Chen Chi-Mai sollte unlängst in Duisburg die Spiele als Ausrichter übernehmen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) akzeptiert Taiwan nicht als eigenen Staat, es akzeptiert nur die Bezeichnung „Chinese Taipei“. Der World-Games- Chef drohte Chen Chi-Mai, ihm die Spiele wieder wegzunehmen. Der Bürgermeister musste sich entschuldigen.

Sport ist immer auch Politik in Taiwan, und es wirkt daher ein bisschen komisch, dass Chen Chi-Mai ein paar Tage nach dem Zwischenfall im Berliner Hotel Marriott sitzt und sagt: „Sport ist Sport und Politik ist Politik.“ Dabei scheint es doch, als habe die Regierung Taiwans den Sport als politisches Mittel entdeckt. Er soll die nationale Identität stärken und ihnen den Respekt einbringen, den sie auf der politischen Bühne vermissen. In Europa unterhält einzig der Vatikan diplomatische Beziehungen zu Taiwan. Die Vertretung des Landes in Berlin heißt „Taipeh-Vertretung“. Die anderen europäischen Länder unterhalten alle ausschließlich diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China. Selbst die Schutzmacht USA hat ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan 1978 abgebrochen, um ihr Verhältnis zu China zu verbessern.

In der taiwanesischen Politik spielt Chen Chi-Mai eine bedeutende Rolle, obwohl er erst 40 Jahre alt ist. Er war Regierungssprecher, hat den Wahlkampf für den jetzigen Premierminister Frank Hsieh geleitet und nimmt regelmäßig an den Kabinettssitzungen teil. Er gehört zur Demokratischen Fortschrittspartei DPP, die eine größere Unabhängigkeit Taiwans anstrebt. Als Bürgermeister von Kaohsiung ist Chen Chi-Mai nun auch für internationale Sportkontakte zuständig. In der Welt des Sports hat sich Taiwan ein bisschen Achtung erworben, seitdem zwei Taekwondo-Kämpfer bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen Gold gewannen. Es waren die ersten beiden Goldmedaillen für Taiwan überhaupt.

Das Ziel sind nun die World Games 2009. „Taiwan hat noch kein sportliches Großereignis ausgetragen – auch aus politischen Gründen“, sagt Chen Chi-Mai. Aber Taiwan wolle behandelt werden wie China. „Es darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden“, sagt der Bürgermeister. Vorsichtig sind sie dennoch. Die Broschüre der World Games 2009 ist betitelt mit: „Travel to Formosa, a Wonderland of Sports“. Kein Wort von Taiwan.

Während die World Games in Duisburg, Oberhausen, Bottrop, Mülheim an der Ruhr in vorhandenen Stadien stattfanden, baut Kaohsiung ein neues Stadion für umgerechnet 130 Millionen Euro. 40 000 Zuschauer sollen darin Platz finden. Außerdem entstehen eine Sportuniversität und ein nationales Trainingszentrum für Leichtathleten, Taekwondo- Kämpfer, Baseball- und Softballspieler. Es sind ehrgeizige Projekte, und der Bürgermeister nennt mehrmals das Motto seiner Stadt: „Kaohsiung gibt niemals auf.“

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Taiwan gerade dann um die World Games bemühte, als Peking den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2008 bekommen hatte. Was die Olympischen Spiele 2008 für Taiwan bedeuten? Darauf antwortet der Bürgermeister zunächst mit einem „Sport verbindet die Menschen.“ Dann sagt er, es sei eine großartige Gelegenheit für Taiwan, als souveräner Staat an den Spielen teilzunehmen. Das Interessanteste erwähnt er erst am Ende: „Wir sind glücklich, dass Peking die Spiele ausrichtet. Es ist eine Chance, um das Land zu öffnen, denn die Menschen sind isoliert in ihrem System. China hat immer noch keine offene Gesellschaft.“ Taiwan hatte 2001 für China gestimmt. Das IOC-Mitglied Taiwans hatte das so begründet: Wenn 2008 Olympia in Peking stattfindet, ist China wenigstens in dieser Zeit zu beschäftigt, um Taiwan zu überfallen. Für 2020 möchte sich die Hauptstadt Taipeh selbst um die Spiele bewerben.

Annäherung durch Sport schien es zwischen Taiwan und der Volksrepublik kurz zu geben. Ende 2001 reiste eine taiwanesische Basketball-Mannschaft aufs Festland, um am chinesischen Spielbetrieb teilzunehmen. Gleich wurden weitere Schritte geplant und Vorbilder wie Nord- und Südkorea bemüht, die bei Olympia schon gemeinsam hinter einer Flagge des IOC einmarschiert waren. Doch für weitere Schritte macht Chen Chi-Mai wenig Hoffnung: „Chinesische Sportler dürfen an Wettbewerben in Taiwan teilnehmen, und wir schicken unsere Sportler nach Festland-China. Aber sie werden niemals zusammen in einer Mannschaft starten.“

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