ATP-Tour-Finale : Schlag ins Gesicht für Andy Murray

Andy Murray wollte seine starke Saison beim ATP-Tour-Finale in London krönen. Doch bei der Niederlage gegen Roger Federer buhen ihn die eigenen Fans aus.

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Ende mit Frust. Der Schotte Andy Murray hatte in London einen schweren Stand bei seinen britischen Landsleuten.
Ende mit Frust. Der Schotte Andy Murray hatte in London einen schweren Stand bei seinen britischen Landsleuten.Foto: AFP

Die Scheinwerfer erloschen, im Halbdunkel der Kuppelhalle war plötzlich nur das dröhnende Gewummere eines Basses zu hören. Bumm-bumm. Bumm-bumm. Wie ein gewaltiger Herzschlag. Auf dem Videolaufband rund um die Tribüne zuckten dazu Sinuskurven im Pulsrhythmus hoch. Bumm-bumm. Im Takt wurde mitgeklatscht, es war der Countdown für den Showdown. In dicken Nebelschwaden betrat Andy Murray die Arena, die Zuschauer jubelten ihm artig zu. Murray hob kurz den Arm, dankte den fast 18 000 Menschen im ehemaligen Millennium Dome. Es würde das letzte Mal an diesem Abend sein. Nun trat Roger Federer aus dem Nebel hervor, der Applaus explodierte förmlich. Mit einem Meer aus rot-weißen Schweizer Flaggen empfingen ihn die Briten, feierten ihn wie einen Popstar. Niemanden lieben sie auf der Insel so wie Federer. Doch dass sie es gerade an diesem Abend so massiv wie nie auslebten, musste sich für Murray wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen.

„Egal, wo ich auf der Welt gegen Roger spiele, er bekommt doch immer große Unterstützung“, sagte Murray später mit versteinerter Miene, nachdem er mit 6:7 und 2:6 seinen ersten Endspieleinzug beim ATP-Tour-Finale verpasst hatte. Er wollte gerne so tun, als sei es ganz normal gewesen, was gerade geschehen war. Doch das war es nicht. Die offene Ablehnung seiner Landsleute, und das, nachdem er im Sommer ein paar Kilometer weiter südwestlich die olympische Goldmedaille gewonnen und erstmals nach seinem Sieg bei den US Open wieder in der Heimat antrat, hatte Murray tief getroffen. Sie hatten sich in Großbritannien lange schwer getan mit dem blassen, eher spröde wirkenden Schotten. So richtig warm wurden sie nicht mit ihm, trotz seines großen Potenzials. Es schien mehr ein Zweckbündnis zu sein, und Murray tat auch wenig, um sich mehr zu öffnen. Zu groß scheint seine Angst davor, etwas zu sagen oder zu tun, was man gegen ihn verwenden könnte.

Doch nach Wimbledon schien alles anders. Murray hatte gegen Federer alles gegeben und doch verloren, seine Tränen aber erweichten wohl auch seine härtesten Kritiker. Die Nation war stolz auf ihren traurigen Helden. Und mit dem Rausch des olympischen Finals mit dem Triumph über Federer und schließlich dem ersten Grand-Slam-Sieg für Großbritannien nach 76 Jahren schien Murray die Briten mehr auf seine Seite gezogen zu haben.

Bis zum Halbfinale am Sonntag unter dem Kuppeldach. Federer, der keinen Tag Pause gehabt hatte, begann nervös und fehlerhaft. Murray dagegen hämmerte Aufschläge mit 218 km/h ins Feld und donnerte Vorhandreturns an seinem Gegner vorbei. Den Applaus aber bekam Federer. Als wäre es nicht schon schwer genug, den wohl besten Spieler der Geschichte zu schlagen, verweigerten die Zuschauer Murray immer mehr die Gefolgschaft. Das frühe Break im ersten Spiel glich Federer zum 4:4 wieder aus, der Schweizer wurde stärker. Beim Stand von 4:5 unterlief Murray ein Doppelfehler bei seinem Aufschlag – etliche Zuschauer klatschten. Doch es sollte an diesem Abend sogar noch schlimmer werden.

Die Partie hatte Fahrt aufgenommen, Beide spielten ebenbürtig, auch im Tiebreak. Dann folgte eine der seltenen langen Rallyes, Federer trieb Murray mit seiner Vorhand diagonal immer weiter aus dem Feld, bis er ihn zum Fehler zwang. Murray malträtierte seinen Schläger vor Wut, er musste ihn vor dem Satzball für Federer wechseln. Als er zum Stuhl lief, buhten ihn die Zuschauer aus. Murray konnte es kaum fassen, auch für seine Fehler gab es inzwischen Applaus. Nach anderthalb Stunden war es vorbei. Murray packte hastig seine Sachen und verließ die Halle ohne Gruß. Dabei hätte das Endspiel in London die Krönung Murrays bisher bester Saison seiner Karriere werden sollen. Stattdessen aber endete das Tennisjahr 2012 für ihn mit einem bitteren Beigeschmack.

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