Sport : ATP-Tour: New Balls und neue Gesichter

Ernst Podeswa

"Tennis ist zur Zeit der globalste Sport", sagt Larry Scott. Und niemand hat ihm im Klubhaus des LTTC Rot-Weiß widersprochen. Aus gutem Grund, denn die ATP, die Vereinigung der Tennis-Profispieler, veranstaltet in diesem Jahr 70 ATP-Turniere in 35 Ländern. Selbst die Formel 1 kann da mit 17 WM-Rennen in 15 Ländern nicht mithalten.

Doch Masse allein macht nicht glücklich. Denn ähnlich wie beim Frauentennis, hatte auch die ATP-Tour immer weniger Resonanz gefunden. Deshalb nahm die ATP in dieser Saison ein paar Änderungen vor. Und Scott als Europa-Manager der ATP gab gestern in Düsseldorf und danach bei Rot-Weiß darüber Auskunft.

"Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Sport zunehmend Unterhaltungscharakter bekommen hat", sagt Scott. Um dem gerecht zu werden, hat die ATP eine neue Kampagne "New balls please." gestartet. Die Papprolle in Form einer Tennisbüchse, die er überreicht, enthält Poster, biografische Daten und Antworten auf identische Fragen. Die zwölf sind die Aufsteiger des Jahres und verkörpern die neue Generation im Profitennis. Die Hitliste beginnt mit dem Schweizer Roger Federer und endet mit dem Argentinier Mariano Zabaleta. Dazwischen liegen Juan Carlos Ferrero (Spanien) und Magnus Norman (Schweden), aber auch die beiden Deutschen Tommy Haas und Nicolas Kiefer.

Die 90er Jahre seien die Ära von Pete Sampras und Andre Agassi, von Boris Becker und anderen gewesen, meint Scott, doch jetzt müsse man den Tennisfreunden neue Gesichter nahe bringen. Auf eine Art, dass die Fans sich identifizieren könnten. Deshalb seien in den Interviews die Themen Hobbys, familiäres Umfeld und spezielle Interessen ausführlich dargestellt worden. Es sei wichtig für die Popularität des Tennissports, wenn die "menschliche Seite" der Stars gezeigt würde.

Deshalb bekommen alle Veranstalter das von der ATP erstellte Infomaterial inclusive Autogrammkarten. Die Spieler haben sich für die PR-Kampagne - zwei Millionen Dollar kostet "New balls please", ingesamt sieben Millionen im laufenden Jahr alle Promotion-Aktivitäten - kostenlos zur Verfügung gestellt. Markus Günthard, Direktor des Stuttgarter ATP-Turniers (28. Oktober bis 5. November), begrüsst die ATP-Aktion: "Der Tennissport hatte sich zu weit von den Fans entfernt. Wir brauchen wieder stärkere Bindung zum Zuschauer." Deshalb hat der Bruder des einstigen Steffi-Graf-Trainers Heinz Günthardt das Ereignis in der Schleyer-Halle unter das Motto "Ganz nah dran" gestellt. So rückten die Tribünen bis zu sechs Meter dichter an den Centre Court ran. So erhalten bis zu drei Kinder/Jugendliche freien Eintritt, wenn sie in Begleitung von zwei Erwachsenen erscheinen. So hat man generell die Eintrittspreise ("Da waren wir teilweise teurer als Paris") gesenkt. Und Fanklubs von Spielern, die sich per Internet anmelden können, wird mit maximal 32 Kindern/Jugendlichen sowie acht Erwachsenen kostenloser Besuch gewährt - solange deren Liebling mitspielt. Günthardt: "Wir sind sehr gespannt, wie diese Angebote angenommen werden." Erste Signale versprechen Positives, denn die Kartenvorbestellungen sind "um 20 bis 25 Prozent zum Vorjahr gestiegen".

Aber nicht nur das Zuschauerinteresse habe sich belebt. Auch die Spieler hätten erkannt, dass "die Masters-Turniere ganz wichtig geworden sind, wenn man beim Masters-Cup am Jahresende dabei sein will". Der Masters Cup, in diesem Jahr in Lissabon, vereint die bisherige ATP-WM und den Grand Slam Cup. Auch das ein Resultat der erwähnten Neuerungen. Anstelle der vorjährigen Super-Neun-Turniere sind nun - einschließlich Stuttgart und Hamburg - die neun Masters-Series-Turniere gerückt. Vom Preisgeld und den Weltranglistenpunkten her attraktiver als vorher und klar nach den Grand-Slam-Wettbewerben als zweitwichtigste Ebene profiliert. Das Champion Race, die aktuelle Jahresrangliste, habe sich, so der ATP-Europachef Scott, bewährt, "auch, weil sie schon sechs Spitzenreiter in diesem Jahr erlebt hat. Das ist Dynamik drin wie noch nie". Dass paralell dazu die alte Rangliste mit den Ergebnissen von 52 Wochen für die Setzlisten geführt wird, sei verwirrend für die Betrachter "und noch keine perfekte Lösung".

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