Sport : Attacke gegen das Schweigekartell

Wer auspackt, erhält eine mildere Strafe: Experten schlagen Kronzeugenregelung bei Dopingvergehen vor

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Von Erik Eggers

Köln. Lars Börgeling, der zweitbeste Stabhochspringer in Europa, hält es schlicht für einen „logischen Schritt in der Dopingbekämpfung“, Paul-Heinz Wellmann, Lauftrainer im Langstreckenbereich und selbst lange Jahre Leistungssportler, sieht darin ebenfalls eine „gute Möglichkeit": eine Kronzeugenregelung im Kampf gegen das Doping. Eine solche Regelung haben die beiden Stuttgarter Rechtsanwälte Christoph Wüterich und Matthias Breucker jetzt vorgeschlagen. Damit stünde dem deutschen Sport ein geeignetes Instrument zur Verfügung, um die offensichtlich gravierenden Dopingprobleme besser in den Griff zu bekommen, meinen die beiden Juristen. Ihrer Ansicht nach ist das Doping-Kontrollsystem, so wie es momentan praktiziert wird, nicht ausreichend.

Bevor aber der Staat eingreife, so wie es mit den gesetzlichen Regelungen in Italien und Frankreich bereits der Fall ist, sollten die deutschen Sportverbände über Sportler als Kronzeugen nachdenken. „Am besten“, sagt Breucker, „der Sport regelt das selber". Kern des Ganzen: Gedopte Sportler profitieren von milderen Strafen, wenn sie zur Aufklärung von Dopingpraktiken beitragen. Straffreiheit ist nicht vorgesehen. Dafür schlagen die Anwälte vor, lebenslange Strafen in zweijährige Startverbote umzuwandeln.

Die Überlegungen Wüterichs und Breuckers sind demnächst im Detail in der juristischen Zeitschrift „Sport und Recht“ nachzulesen, und aus ihnen spricht keineswegs nur graue Theorie. Denn beide beschäftigen sich schon lange in der Praxis mit Sportrecht; viele Sportler gehören zu ihren Mandanten, etwa der Tennisspieler Nicolas Kiefer. Zudem ist Wüterich Präsident des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) und in dieser Funktion auch Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees. Matthias Breucker gilt, da er seine Doktorarbeit über Kronzeugenregelungen verfasst hat, als angesehener Experte auf diesem speziellen Rechtsgebiet.

Neben der fehlenden Effektivität bei der jetzigen Kontrollpraxis gründet sich der Vorschlag der Juristen auf einem weiteren Pfeiler. Auf soziologischen Studien, nach denen Sportler sich oft in geschlossenen Personengruppen bewegen, das heißt mit Trainern, Betreuern, Ärzten und anderen Sportlern. „In diesem Kreis“, heißt es in dem Aufsatz, „wird diskutiert, auf welchem Wege und mit welchen (un)erlaubten Hilfsmitteln das Ziel erreicht werden soll". Solche Gruppierungen benötigten indes ein hohes Maß an Sicherheit, „dass der Einzelne unentdeckt bleibt und nicht belangt wird“, die Gewissheit, kein Gruppenmitglied werde je auspacken, „fördert die Bereitschaft zur Tatbegehung". Nur mit Kronzeugen, so das Argument der Anwälte, könne man das Schweigekartell sprengen. Dass damit auch Probleme verbunden sind, weiß Breucker. Was passiert mit Sportlern, die andere Athleten an den Pranger stellen, nur weil sie sich davon bessere Wettkampfchancen versprechen? „Natürlich“, sagt er, „übersehen wir diese klassischen Probleme einer solch heiklen juristischen Praxis nicht.“ Die stets befürchtete Befeuerung des Denunziantentums sei „immer diskussionswürdig". Aber dort, wo Kronzeugen in anderen Bereichen ausprobiert wurden (etwa beim Terrorismus oder der organisierten Kriminalität), habe sich das nicht wirklich als Problem herausgestellt. Überdies, so Breucker, „kommen ja nur Sportler in den Genuss dieser Regelung, die etwas verbrochen haben".

Doch es gibt auch Gegner dieses Vorschlags. Ulrich Haas sieht nicht, „wie diese Praxis greifen sollte". Für den Leiter der Anti-Doping-Kommission des deutschen Sports, der momentan die Geschäfte an die neugegründete Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) übergibt, steht die Frage im Raum: „Will ich Denunziantentum haben?" Gleichwohl weist er darauf hin, dass bereits das Internationale Olympische Komitee in seinem Anti-Doping-Code ein gleichlautendes Prinzip vertritt; demnach sollen Sportler für den Fall, dass sie Dopingpraxen aufklären, ebenfalls strafmildernd behandelt werden. Für Deutschland sei dieser Vorschlag deshalb durchaus „zu diskutieren".

Wie aber reagieren die Sportler, diejenigen, die am meisten davon betroffen sind? Lars Börgeling sagte dem Tagesspiegel, dass er den Vorschlag im Grundsatz für gut hält, schließlich „sind heute die Dopingkontrollen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein". Der Stabhochspringer fände es ohnehin besser, „wenn auf diesem Gebiet etwas kriminalistischer gearbeitet werden würde". Grundsätzlich müsse man die Sache mit den Kronzeugen im Sport der Chancengleichheit wegen „aber auch auf internationaler Ebene regeln". Selbst gegen ein staatliches Eingreifen bei Dopingvergehen hat Börgeling nichts.

Paul-Heinz Wellmann, 1976 Olympiadritter in Montreal und Halleneuropameister über 1500 Meter, findet „jeden Weg gut, der Sünder entlarvt“, will aber gewährleistet wissen, dass kein Athlet ungerechtfertigt sein Startrecht verliert. Athleten und Trainer haben offenbar wenig gegen eine Kronzeugenregelung. Jetzt sind die Verbände am Zug.

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